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IM-Affäre Werner Söllner : Bespitzelung bis in den letzten Vers

Damit, so „Walter“, würde ich auf den Absprung des Paul Schuster anspielen, ein damals erfolgreicher siebenbürgischer Autor, der die Kunst der Gratwanderung beherrschte wie kaum ein anderer. Der Schlusssatz des ersten Walter-Berichts, der nach Temeswar ging, lautet: „Die Gefahr besteht in dem enormen Einfluss, den sie auf die Jugendlichen in ihrem Umfeld ausüben, Jugendliche, die diese Lebensvorstellungen übernehmen, fasziniert vom Erfolg des vermeintlich Neuen.“

Erinnerungsschwächen

In der Notiz des Offiziers heißt es: Die mitgeteilten Aspekte seien von Interesse. Alle Genannten seien Studenten. Die Quelle, also der IM, werde zur Vervollständigung zum nächsten Treffen, das für den 15. März 1973 festgelegt wurde, Texte von weiteren Personen dieses Kreises mitbringen, von denen ihm bekannt sei, dass sie nicht Entsprechendes schreiben.

Bei diesem zweiten Treffen berichtet „Walter“ über Ernest Wichner, den er zwei Jahre davor bei der Aufnahmeprüfung in Klausenburg getroffen habe. Wichner hatte damals Söllner kennengelernt, und damit wohl auch „Walter“. Söllner wollte sich anfangs nicht an diese Begegnung erinnern. Erst als einer seiner ehemaligen Professoren die Begegnung bezeugte, räumte er ein, dass sie stattgefunden habe oder stattgefunden haben könnte. Warum so kompliziert? In diesem zweiten Bericht geht er auf die Temeswarer Situation ein und bringt die Fluchtgedanken in Erwähnung, die dort im Grenzgebiet zu Jugoslawien besonders verbreitet seien. Auch Wichner habe solche Gedanken, jedoch keine konkreten Pläne. Immerhin. Ein Pluspunkt für den IM oder für Söllner?

Niemandem geschadet?

Bei einer weiteren Begegnung überreicht Walter als Mitbringsel die rumänische Fassung eines Langgedichts von Johann Lippet „Der gewesene Selbstmordgang der Familie“. Der Kommentar des IM: Vor allem der Schluss des Gedichts sei extrem tendenziös. Die Verquickung des Festes mit einer korrupten Realität führe unmittelbar zum Schlusssatz, zur Botschaft, die eine Aufforderung zur Ausreise darstelle. Das Gedicht sei unveröffentlicht. Den Kasus erwähnt auch Johann Lippet in seinem vor kurzem erschienenen Buch: „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung“.

Die „Walter“-Berichte leiten einen beschleunigten Prozess der Repressalien gegen die Aktionsgruppe Banat ein, mit dem erklärten Ziel ihrer Zerschlagung. Während der Untersuchungshaft im Oktober 1975 werden wir immer wieder auch mit den Walter-Erkenntnissen über unsere Gedichte konfrontiert. Werner Söllner versichert heute, er habe niemand wissentlich in größerem Umfang geschadet. Aber wie soll man das Faktum deuten, dass er zumindest in der Abschrift des Offiziers anbietet, nach Temeswar zu weiteren Recherchen über uns zu reisen, falls man ihm die Reisekosten erstatte?

Söllner besuchte uns damals tatsächlich in Temeswar. Ob auch „Walter“ dabei war? Söllner bestreitet es. Er sei mit der Studententheatergruppe da gewesen. Welche Rolle er gespielt habe? Und in welchem Stück? Er wisse es nicht mehr.

In einem Gedicht von Werner Söllner, das im August 1989 in dieser Zeitung stand, heißt es: „Wie es war und warum, / wen geht es was an? / Aufrecht oder krumm: / man geht, wie man kann. // Wovor dir graut: / was vergessen ist. / Ist die gerettete Haut auch eine List?“

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