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IM-Affäre Werner Söllner : Bespitzelung bis in den letzten Vers

Die Berichte des „Walter“

Warum Abschriften? Söllner lebte in Klausenburg. Die Securitate hatte ein regionales Netz, das den Verwaltungskreisen zugeordnet war. Dieses Netz wurde von Bukarest aus zentral gesteuert, die Regionalabteilungen kommunizierten aber auch untereinander. Da die Mitglieder der Aktionsgruppe Banat, auf die sich die IM-Berichte, die ich meine, beziehen, in Temeswar lebten, wurden die Schriftstücke ins Banat geschickt, eine weitere Ausfertigung ging an die Zentrale nach Bukarest. Das wurde im Begleitschreiben auch mitgeteilt, so dass die Temeswarer Offiziere gewarnt waren. Um sich nicht den Vorwurf der Untätigkeit einzuhandeln, weil die Informationen erst durch die Kollegen in Siebenbürgen der Securitate bekannt wurden, nahmen sie uns genauer ins Visier. Die Berichte des „Walter“ aus Klausenburg verstärkten somit die Aktivitäten gegen uns.

In den Berichten geht es vor allem um Gedichte und deren Interpretation, um die Freilegung ihrer geheimen politischen Botschaft. Die Frage, wie IM „Walter“ an unsere unveröffentlichten Gedichte kam, beantwortet er selbst wie folgt: „Das einzige Phänomen von Schubladenliteratur, das mir als Redakteur der ,Echinox‘ untergekommen ist, ist eine Gedichtaufstellung, die mir zur Veröffentlichung von R. Wagner zur Verfügung gestellt wurde.“

Verleugnung der Tat

Ich hatte eine Gedichtauswahl der Aktionsgruppen-Mitglieder an Werner Söllner nach Klausenburg geschickt. Er war der Redakteur der deutschen Seite der dreisprachigen Studentenzeitschrift „Echinox“, die als nonkonformistisch galt und schon durch ihre Dreisprachigkeit den rumänischen Nationalkommunismus untergrub. Die Gedichte sollten auf Deutsch erscheinen, also gab es keinen Grund, sie zu übersetzen. Zu übersetzen waren sie für den IM „Walter“, weil dessen Führungsoffizier Hertza, wie die meisten hauptamtlichen Mitarbeiter der Securitate, die sich mit der deutschen Minderheit beschäftigten, wohl kaum Deutsch verstand.

Als ich im Frühjahr 2009 Werner Söllner diese Unterlagen vorlegte, meinte er zunächst, er sei nicht Walter, er könne es nicht sein. Dann räumte er ein, zumindest mit Walter gemeint gewesen zu sein, aber ohne es zu wissen, sowie der Hertza nicht sein Führungsoffizier gewesen sei, er sich aber doch einige Male, immer wieder, wie er heute sagt, mit ihm getroffen habe.

Gefährliche Gedichte

Von wem sonst sollten die Übersetzungen stammen, wenn nicht von IM Walter? Söllner meinte schließlich, es könne sein, dass er in der Redaktion an eventuellen Übersetzungen von rumänischen Kollegen mitgearbeitet habe, aber nicht im Auftrag der Securitate. Und wie wären diese Übersetzungen zur Securitate gelangt? Nicht durch ihn, wehrt er ab, sie hätten sie wohl auf andere Weise beschafft. Möglich, aber wozu hatten sie ihren Walter? Was ist mit den Interpretationen? Worüber sprach Söllner mit seinem Führungsoffizier, wenn nicht über die Gedichte, die in den Berichten aufgelistet sind? Darunter auch mein Text „Zeichenstunde“: „Hinter den sieben Bergen / bei den sieben Zwergen / wohnt der Klassenfeind // Wer ihn am schönsten malt / Darf ihn besuchen.“

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