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Dankesrede zum Böll-Preis : Verteidigung des Gutmenschen

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Zeit seines Lebens hat er sich gesellschaftlich engagiert, auch in jenen späten Jahren, als das als Gutmenschentum abgetan wurde: Heinrich Böll (1917 bis 1985) im Dezember 1977 zu Hause in Köln. Bild: dpa

Es ist leicht, als Zyniker durchs Leben zu gehen, aber es hilft niemandem weiter. Sein Hass auf den Gutmenschen hat einen Grund: Apologie eines verfemten Engagements.

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          Ich habe mir sagen lassen, Heinrich Böll sei ein Gutmensch gewesen. Mir ist auch gelegentlich nachgesagt worden, ich sei ein Gutmensch. Gutmenschentum – ein einziges Wort, das scheinbar ausreicht, alles Wesentliche auszudrücken. Ein typisch deutsches Kompositum, drei Teile, vier Silben: Gut – Menschen – Tum.

          Fangen wir mit der ersten Silbe an, „gut“, ursprünglich das Gegenteil von schlecht und gemeinhin positiv konnotiert. Oft verwendet. Wie war das Essen? Gut! Wie war dein Tag? Gut! Wie läuft’s in der Ehe? Gut! Was wollen Sie sein im Leben? Da antwortet allerdings kaum jemand mit „gut“. Erfolgreiche Menschen wollen vielmehr gut aufgestellt sein oder gut bezahlt werden.

          Es gibt Familien im deutschen Sprachraum, die müssen schwer an dem Nachnamen „Gutmensch“ tragen. Merkwürdigerweise stammen viele Nomina propria dieser Art aus dem heutigen Tschechien. Herr Josef Gutmensch aus Mährisch-Neustadt zum Beispiel belegte am 22. August 1896 den sechsten Platz beim Königsschießen in Littau. Der Friseur August Gutmensch ließ sich 1897 einen „Frisettenhalter“ – eine Art Lockenwickler – patentieren. Der Gemischtwarenhandel Rosin & Gutmensch in der Favoritenstraße 68 im Wiener 4. Bezirk musste 1915 Konkurs anmelden. Und dem Hauptmann des k. u. k.-Heeres Karl Gutmensch wurde im Mai 1916 das Militärverdienstkreuz mit Kriegsdekoration für tapferes Verhalten vor dem Feind verliehen. Zwei Jahre später erhielt der Offizier Gutmensch die allerhöchste militärische Auszeichnung, kurz bevor ihn der heroische Kriegstod ereilte. Frei nach dem braven Soldaten Schwejk, dem Schutzheiligen aller Subversiven: „Die haben uns den Gutmensch umgebracht!“ „Welchen Gutmensch? Ich kenne zwei. Um beide ist es nicht schade.“

          Auch ein Synonym für Trottel

          Manche Namensforscher leiten den „Gutmensch“ vom heiligen Homobonus ab, dem Schutzpatron der Schneider. Andere hingegen behaupten, er stamme vom französischen Wort „bonhommes“ ab, einst die Bezeichnung für Anhänger der mittelalterlichen häretischen Bewegungen der Katharer und Albigenser, die sich selbst „wahre Christen“ oder „Gottliebende“ nannten, eine wörtliche Übersetzung des südslawischen „bogomil“. Diese „Teufelsdiener“ stammten ursprünglich aus dem heutigen Bulgarien und galten ihren Feinden als „Katzenküsser“, als Zoophile, weswegen das umgangssprachliche englische Wort „to bugger“, eine Ableitung des französischen „bougrir“, etymologisch nichts anderes bedeutet als „to make love like a Bulgarian“. Jetzt sind wir dem Urgrund des Gutmenschen auf die Schliche gekommen. Die Bogomilen waren die erste religiöse sozialrevolutionäre Bewegung Europas. In den Worten eines zeitgenössischen orthodoxen Priesters: „Sie lehren ihr eigenes Volk, ihren Herren nicht zu gehorchen, sie schmähen die Reichen, hassen den Zaren, lachen über die Älteren, verdammen die Bojaren , betrachten als nichtswürdig vor den Augen Gottes jene, die dem Zaren dienen, und verbieten jedem Diener, für seinen Herrn zu arbeiten.“ Um Gottes willen. Menschen, die sich ein freies und würdevolles Leben auf Erden nicht nur vorstellen können, sondern es auch in die Tat umsetzen wollten. Gutmenschen halt. Pfui Teufel. Übrigens wurde Bosnien von 1199 an bogomilisch und blieb es zwei Jahrhunderte lang, womit hinreichend bewiesen wäre, dass auch Dzevad Karahasan ein verkappter Gutmensch ist.

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