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Kinderbuchautorin Nöstlinger : „Ich möchte ein Stück Welt erklären“

Politisch immer mehr so links gewesen: die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger Bild: Picture-Alliance

Die große Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger wird achtzig. Ein Besuch bei einer bemerkenswert unsentimentalen, nüchternen Frau.

          Ich habe jetzt nochmal „Maikäfer flieg“ gelesen, Ihren Roman, in dem es um die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs geht, und zwar aus der Perspektive eines Mädchens. Wie autobiographisch ist das und wie viel ausgeschmückt?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Eigentlich ist nichts ausgeschmückt, nur sehr viel weggelassen.

          Die eindrucksvollste Gestalt ist für mich die Großmutter – anfangs eine starke, furchtlose Frau, später aufgrund der Kriegsereignisse gebrochen.

          Diese Wandlung hat sie 1945 gehabt. Als ich sie wiedertraf, war sie nicht mehr die wilde, sondern eine larmoyante Furie.

          Furie immerhin noch.

          Ja, bis zum Lebensende.

          Stimmt das, dass Ihr Großvater so schreckliche Angst vor ihr hatte?

          Ja. Es war nicht mehr normal, wie diese Frau war, strohdumm, auch wahnsinnig ungebildet. Es kommt in diesem Buch nicht vor, aber sie hat dauernd Selbstmordversuche gemacht. Und die waren halt reine Erpressung. Sie hat zum Beispiel Gas aufgedreht und sich am Bett drapiert im Nachthemd und mit Wallehaar und ihrem goldenen Zwicker auf der Nase. Und einmal kam mein Großvater nicht wie üblich um sieben heim, weil Bombenalarm war, oder er war noch im Caféhaus, weiß der Kuckuck. Jetzt strömte immer mehr Gas aus, und sie lag auf dem Bett drapiert. Wir wohnten im selben Haus. Und auf einmal wird bei uns die Wohnungstüre aufgerissen, und meine Großmutter im Nachthemd, der goldene Zwicker schief auf der Nase, das Wallehaar, schreit: „Schnell, schnell, ich hab mich umgebracht!“ Meine Mutter stand in der Küche vorm Spiegel und hat sich einen Hut aufgesetzt, weil sie zu einer Kinopremiere gehen wollte. Und wie die da zur Tür reinkommt, hat meine Mutter diesen Hut runtergenommen und dann gesagt: „Verdammt, jetzt versaue ich mir wegen der Alten die Premiere!“

          Ich habe mich stets gefragt, was das für eine Konstellation war zwischen dem Mädchen, der Mutter und der Großmutter, die im Buch furchtlos erscheint.

          Die war zum Angsthaben zu blöd. Sie hat zum Beispiel nicht erkannt, wenn sie auf Hitler geschimpft hat, dass ihr Gefahr droht. Das war so: Ich bin eine anständige Frau, daher passiert mir nichts.

          Das Mädchen ist ihr in mancher Hinsicht ähnlich. Es ist natürlich nicht dumm. Aber es blendet Gefahren ja auch aus. Hat es das von der Oma?

          Nein, das ist kindliches Verhalten. Es ist ja schwierig für ein Kind, in der Nazizeit in einer Familie zu leben, in der alle Antifaschisten sind. Die Erwachsenen haben erstens vor mir sehr wohl gesprochen, und zweitens merken Kinder auch Dinge, die nicht besprochen werden. Ich hätte wahrscheinlich gern bei vielen Dingen mitgemacht, die andere Kinder taten. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, ich liebte die Farbe Rot. Und alles, was ich bekam, war braun, grau und schwarz. Dann war Hitlers Geburtstag, und wir bekamen in der Schule ein brandrotes Buch, in brandrotes Leinen gebunden und drauf mit Goldbuchstaben „Mutter erzählt von Adolf Hitler“. Ich zeige meiner Mutter dieses Buch, die kriegt einen Wutanfall und schreit: „Mutter erzählt einen Schmarrn von Adolf Hitler!“ Und dann hat sie das Buch in den Ofen geschmissen.

          In „Maikäfer flieg“ sagt sich das Mädchen, das in den Nachkriegswirren die Freiheit genießt, es wolle alles dazu tun, dass die Zeiten nicht mehr normal würden.

          Das war meine Empfindung. Aber ich habe mich später nicht danach verhalten.

          Wann waren die Zeiten denn wieder normal?

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