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Sibylle Bergs Roman „GRM“ : Ich hasse Max Frisch!

Die Schriftstellerin Sibylle Berg Bild: Katharina Lütscher

Brexit, Post-Brexit, Überwachungsstaat, Gentrifizierung und zerfallendes Europa: Über „GRM – Brainfuck“, den radikal gegenwärtigen Roman von Sibylle Berg.

          6 Min.

          „Wer hat Angst vor Sibylle Berg“ hieß vor drei Jahren ein Dokumentarfilm, in dem man die Schriftstellerin Sibylle Berg im Engadin in der Schweiz sehen konnte. Hierhin sei sie Mitte der achtziger Jahre aus der DDR gekommen oder geflohen, ganz genau benennt sie es nicht, wie sie überhaupt so vieles, was ihre Person betrifft, immerzu im Vagen lässt. Der Traum des Ossis in ihr sei die Schweiz gewesen, sagt sie zur Interviewerin. Und als diese sie fragt, ob sie auch wegen des Schriftstellers Max Frisch in die Schweiz gekommen sei, antwortet Sibylle Berg: „Ich hasse Max Frisch.“ Sie sitzt im Grünen, die Hügel hinter sich, den durchdringenden Blick in die Kamera gerichtet und stellt fest: „Ich kann gar nicht so Pfeife rauchen und die Welt erklären.“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei kann sie es. Vielleicht nicht Pfeife rauchen wie Frisch oder Grass, wer will das schon (sie biegt im Film einmal eines ihrer Beine mit großer Leichtigkeit hoch vors Gesicht und sagt: „So wollen wir mal Günter Grass sitzen sehen!“). Aber die Welt erklären, das kann sie. Auf ihre Weise. Radikaler als die anderen, mit einem hypersensiblen Gespür für das Menschliche, für Verletzlichkeiten, für menschliche Abgründe vor allem. Sibylle Berg, denkt man seit ihrem Debüt, „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (14 Romane und 21 Theaterstücke hat sie mittlerweile geschrieben), scheint mit einer dieser Sonnenbrillen durch die Welt zu gehen, mit denen man den Sonnenbrand der anderen schon wahrnimmt, bevor ihn diejenigen, die ihn gerade kriegen, zu spüren begonnen haben.

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