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Hundertster Todestag : Uwe Tellkamp: Tagebuch mit Tolstoi

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In seinen Romanen steckt die ganze Welt: Der Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“) beschreibt das große Vergnügen, den russischen Meister in kongenialer Umgebung zu lesen - auf der Ostsee-Insel Hiddensee.

          Aus purem Vergnügen an seiner Spielkunst notiere ich mir die Figurenkonstellationen der Kapitel: im ersten Stiwa Oblonski, sein Ehebruch wird beleuchtet; im zweiten die erste nähere Vorstellung Oblonskis (er trägt einen grauen, mit blauer Seide gefütterten Schlafrock - mal sehen, was er damit macht); im dritten vertiefende Vorstellung, im vierten Stiwa und Dolly, seine Frau; im fünften Stiwa im Büro, Lewin tritt auf, der nach Moskau gekommen ist, um Kitty Stscherbazkaja, Dollys Schwester, einen Heiratsantrag zu machen; im elften, nach einem gemeinsamen Austernessen, fragt Stiwa Lewin, ob er Wronski kenne, der (noch) in Kitty verliebt ist, und auf dessen Antrag sie, wie auch ihre Mutter, hofft.

          Und Anna Karenina? Ist Stiwa Oblonskis Schwester und soll per Zug von Petersburg eintreffen. Fabelhaft, wie Tolstoi das Kennenlernen zwischen Anna und Wronski einfädelt: Stiwa Oblonski holt Anna vom Bahnhof ab - die mit Wronskis Mutter gereist ist; die ganze Zugfahrt über hat die Mutter Anna von ihrem Sohn erzählt, der ebenfalls auf dem Bahnsteig wartet und mit dem Leser die erste direkte Rede Annas hört: „Aber recht geben kann ich Ihnen dennoch nicht.“ Wronski nimmt Anna wahr, Anna nimmt Wronski wahr, er blickt zurück, sie auch; Magnetnadeln, die ihren Pol noch nicht gefunden haben. Ein Unglück geschieht: Ein zurücksetzender Zug tötet einen Bahnwärter; denkt man ans Ende, denkt man: Symbolik, ick hör dir rangieren.

          Tolstois Figuren lösen sich aus dem Papier

          Aber macht nichts. Wie großartig ist das geschrieben, wie „lebendig“, was eine zweifelhafte Zuschreibung für ein Artefakt, das jeder Roman ist, sein mag, aber dennoch eine berechtigte Kennzeichnung des Umstands ist, dass Tolstois Figuren sich aus dem Papier lösen und zu guten Bekannten werden, mit den aufrechtgehenden Namen so mancher saisonaler Produkte noch nicht einmal die Schwächen teilen.

          Am heutigen Samstag jährt sich sein hundertster Todestag: Schriftsteller-Titan Leo Tolstoi (1828 bis 1910)

          Gehört Annas hurtige Wandlung vom einen Kapitel (dem achtzehnten), wo sie der Tod des Bahnwärters erschüttert (wobei es sie - unbarmherzig beobachtet - stört, dass Wronski für die Witwe zweihundert Rubel spendet), zur Szene mit Dolly, Kitty und Stiwa (im zwanzigsten Kapitel) dazu, in der Anna zwar erzählt, was Wronskis Mutter über Wronski erzählt hat, nicht jedoch vom Unglücksfall des Bahnwärters, dessen Tod sie doch so aufwühlte? Das erscheint mir ebenso rätselhaft wie im 23. Kapitel die Suggestion, dass es Wronski auf Tanz- und Zeremonienmeister Korsunskis Ball ansatzlos gelungen sein soll, Anna zu entzünden (was Kitty beobachtet) - nicht, dass so etwas nicht vorkäme, aber hier habe ich, scheint mir, doch zu wenig Streichholz gehört. Vielleicht irre ich mich, und ich bin grobhörig gewesen. Die Szene bleibt mir im Gedächtnis. Kitty trägt falsches Haar und wird aus Gram, Lewin für Wronski abgewiesen zu haben (der von ihr zu Anna flattert), schwer erkranken; Fürst Stscherbazki, der sie zu beruhigen versucht (zweiter Teil, zweites Kapitel), ruft aus: „Diese albernen Chignons! Bis zu seiner wahren Tochter dringt man gar nicht durch und liebkost statt dessen das Haar toter Weiber . . .“

          Vom Seelicht gebleicht, mit Lesezeichen beflaggt

          Jetzt muss ich unterbrechen. Die alte Leseleidenschaft, die man in Kindertagen hatte, auf dem Dachboden in einem Winkel mit Sindbads Reisen und Jules Verne: Sie ist wieder da. Der Hausherr liebt die Epik wie ich, und wenn ich an seine Bücherschäfte trete, die Namen studiere, packt mich die wilde, diebische Freude, wie sie vor den Theaterabenden aufkam, die in den Dresdner Wintern auf dem Weißen Hirsch veranstaltet wurden, oder wenn man mit seinen Freunden, einer Bande von Lausejungs, nach den Vorstellungen ins Kino einbrach, um im Taschenlampenschein den Indianern und Westernhelden auf den Plakaten beim Lebendigwerden zuzusehen.

          Vom Seelicht gebleicht, vollzählig, mit Lesezeichen beflaggt und von Anmerkungen genarbt, stehen sie, die Ausgaben von Melville, London, Poe, Twain, die Abenteuergeschichten aus aller Herren Ländern, gleich bei den Briten, die der Hausherr besonders schätzt: Austen, Conrad, Kipling, Stevenson, Galsworthy und Dickens, Rowling, Woolf, Trollope und Thackeray, der hierzulande wohl am wenigsten bekannte der englischen Großmeister, Anthony Powell, auf den uns Michael Maar hingewiesen hat - der wiederum in einem Essay Nabokov mit einer interessanten Frage, die der Schöpfer Lolitas und Pnins an seine Collegestudenten richtet, auftreten lässt: Welches Muster die Schlafzimmertapete Anna Kareninas hat (worauf ein Student schreibt: little railroad trains). Ich kehre zurück und werde sehen.

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