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Hubert Fichte und Willy Brandt : Auf der Suche nach etwas, worüber er schreiben konnte

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Was Hubert Fichte wohl über Mexiko-Stadt, diese verrückt schöne Stadt auf 2250 Meter, gedacht haben mag, wie sie auf ihn wirkte? Bild: dpa

Im Frühjahr 1975 reist der Schriftsteller Hubert Fichte nach Mexiko. Kurz nach ihm trifft ein anderer in Mexiko-Stadt ein: Willy Brandt. Geschichte der Begegnung zweier Männer, die mehr gemeinsam haben, als sie voneinander wissen.

          12 Min.

          Geschichten verflechten Seelen. Am Anfang der Woche war Willy Brandt noch an Rhein und Ruhr unterwegs gewesen, Ministerpräsident Kühn bangte um seine Wiederwahl, und der Friedensnobelpreisträger, der nicht mehr Bundeskanzler, aber nach wie vor Parteivorsitzender der SPD war, half im Landtagswahlkampf aus, Oberhausen, Kleve, Dinslaken, Duisburg. Es war jetzt bald ein Jahr seit seinem Rücktritt, und für ihn war das noch immer kein leichtes Datum. Es gab ein Leben nach dem Kanzleramt, aber es war oft ein anstrengendes Klein-Klein in Bonn, mit den gleichen, ungeliebten Gesichtern, vor allem Wehner, Wehner, immer wieder Wehner. An diesem Donnerstagmorgen, dem 20. März 1975, aber kann Willy Brandt entkommen, der 61-Jährige verabschiedet sich zu Hause in Bonn-Venusberg, wo er mit Ehefrau Rut und Sohn Matthias lebt, diese Reise unternimmt er allein.

          Draußen wartet die Limousine, Abfahrt um halb elf im Schneeregen, der Frühling scheint im Rheinland noch fern. Um 13.35 Uhr startet Brandt in einer Maschine der Lufthansa vom Frankfurter Flughafen zu seiner ersten großen Auslandsreise, seitdem er zurückgetreten ist. Er ist auf dem Weg in ein Land, in dem er zuvor noch nicht gewesen ist, Willy Brandt fliegt nach Mexiko. Es ist das 55. Land, das er besucht.

          Bereits seit Sonntag in Mexiko-Stadt ist der Schriftsteller Hubert Fichte, zusammen mit seiner Partnerin, der Fotografin Leonore Mau. Die beiden sind seit Monaten in Mittelamerika und der Karibik unterwegs, am 4. November haben sie ihre Heimatstadt Hamburg verlassen und waren zunächst nach Caracas geflogen, wo seit einigen Jahren Maus Tochter Ulrike wohnt. In Mexiko kommen sie aus Haiti über Miami an. Auch für diese beiden Vielreisenden ist es der erste Besuch in dem Land, sie werden drei Wochen bleiben. Sie mieten sich im „Hotel del Prado“ ein, Avenida Juárez 70, direkt an der südöstlichen Ecke der Alameda, einem großen Stadtgarten im Zentrum der Metropole, in der damals elf Millionen Menschen leben.

          Das dreißigste Land, das er bereist

          Das „Del Prado“ ist ein modernes Luxushotel mit 600 Zimmern, mehreren Bars, Restaurants und einer Dachterrasse. Heute steht an dieser Stelle die breite Hochhausscheibe eines „Hilton“-Hotels, der Blick auf den Park aber ist derselbe wie 1975: ein Reigen grüner Baumkronen, unter die von allen Seiten Menschen strömen, hinein und hinaus, ein Bild, das in ständiger Bewegung bleibt. Auf der rechten Seite ragt die Belle-Époque-Kuppel des Palasts der Schönen Künste auf und nicht weit davon der Torre Latinoamericana, ein Wolkenkratzer, ähnlich imposant wie das Empire State Building. Auf den Bänken unter den Bäumen sitzen Jungs, ihre Augen suchen die Augen anderer Jungs. Für den 39 Jahre alten Hubert Fichte ist es das 30. Land, das er bereist.

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