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Hubert Fichte und Willy Brandt : Auf der Suche nach etwas, worüber er schreiben konnte

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In seinem kurzen Leben (er stirbt bereits 1986) hat Fichte eines der aufregendsten schriftstellerischen Werke in deutscher Sprache geschaffen. Es ist ein weitverzweigtes Werk, das seine Kraft aus mehreren Feldern bezieht, neben seiner eigenen Person, Biographie und dem Zeitkontext sind besonders die fernen Welten wichtig. In knapp drei Dutzend Fernreisen hat Fichte in der Zeit von 1969 bis 1985 Gebiete und Länder in Afrika, in Latein- und Mittelamerika schreibend erschlossen, die zuvor nicht auf der Landkarte der bundesrepublikanischen Literatur standen. Die meisten dieser Reisen sind wohlbekannt, nach Brasilien, nach Haiti, nach Senegal. Eine Reise aber ist bisher weitgehend unbekannt, jene nach Mexiko, um Ostern 1975. Fast exemplarisch lässt sich in diesem Aufenthalt die Arbeitsweise von Hubert Fichte und der noch immer zu wenig bekannten Fotografin Leonore Mau entdecken. Scheinbar zufällig führt diese Reise auch zwei Männer zusammen, Hubert Fichte und Willy Brandt, die weit mehr gemeinsam haben, als sie voneinander wissen.

Was Hubert Fichte wohl über Mexiko-Stadt, diese verrückt schöne Stadt auf 2250 Meter, gedacht haben mag, wie sie auf ihn wirkte? Gleich am nächsten Tag beginnt der Autor mit seiner Arbeit. „Botschaft, Ebert-Stiftung, Goethe-Institut“ steht am Montag in seinem Kalender. Bernd Wulffen war Konsul und Kulturattaché, der heute 79-Jährige sitzt in einem Café am Mierendorff-Platz in Berlin und kann sich gut an Fichte erinnern. „Ein freundlicher Mann, der bescheiden auftrat.“ Er war an jenem Tag alleine zu Wulffen gekommen, brachte eines seiner Bücher mit und war an Informationen über das Land interessiert. Es ist eine Zeit ohne Internet. Wulffen erzählt von Maya-Tempeln, von Vulkanen, indigenen Riten und Exilanten, und er lädt Fichte zu einem Empfang ein, der am Freitagabend für Willy Brandt gegeben wird.

Auch Dieter Koniecki, der lokale Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung, kann Fichte über diesen Besuch erzählen. Seit Wochen ist er mit der Organisation beschäftigt, er kennt alle Details und spricht mit beiden Seiten, mit dem Büro Brandt wie mit den Mexikanern. Gastgeber ist der seit 1970 regierende Präsidenten Luis Echeverría Álvarez, der als junger Mann in die Partido Revolucionario Institucional (PRI) eingetreten war, Mexikos quasi Staatspartei. Mit sozialem Ausgleich, staatlicher Regulierung und Wirtschaftsförderung hat er sich eine Reputation erworben, für Mexiko ist es eine Zeit des Aufbruchs. Echeverría war letztes Jahr in Bonn zu Besuch, im Februar, als Brandt noch Bundeskanzler war.

„Zu Vorträgen nach Venezuela und Mexiko“

Am Goethe-Institut schließlich erwartet Fichte der damalige Leiter Christian Schmitt. Er und seine französische Frau sind für ihre Abendgesellschaften bekannt. Hatte er Fichte ursprünglich eingeladen? Bereits im Vorjahr schrieb Fichte in einem Brief: „Dann muß ich zu Vorträgen nach Venezuela und Mexiko . . .“ Die drei Namen Schmitt, Koniecki und Wulffen finden sich in den nächsten Wochen wieder und wieder in Fichtes Taschenkalender. Er schreibt mit dunkelblauem Füller, eher klein und zügig, leicht nach rechts geneigt. Erledigtes streicht er aus.

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