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Hilde Domin zum Hundertsten : Eine großartige Sekretärin und Dichterin

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Hilde Löwenstein und Erwin Walter Palm im mondänen Badeort Montecatini, 1936 Bild: Privatarchiv Hilde Domin

Erwin Walter Palm wollte ein berühmter Dichter sein, seine Frau Hilde Domin ist es geworden - jetzt erscheinen aus Anlass ihres hundertsten Geburtstags die Briefe an ihn. Zu bestaunen ist die schwere Selbstgeburt einer großen Lyrikerin.

          So froh und optimistisch haben wohl selten zuvor Emigranten ihr Land verlassen. „Während sie sich hier Sorgen machen und zwischen Politik und Wirtschaft, unserer deutschen Scylla & Charibdis, ein ängstliches Dasein führen, werden wir leben wie die Götter. Es ist eigentlich eine Gemeinheit. Womit haben wir verdient, daß es uns so gut gehen soll?“, schrieb die Studentin der Nationalökonomie Hilde Löwenstein an ihren Freund Erwin Walter Palm im September 1932. Ihr gemeinsames Ziel war Italien.

          Doch die gute Laune beim Verlassen des Landes hatte weniger mit dem Zielort oder einer weltmännischen Lässigkeit als mit der Verkennung der politischen Lage zu tun. Denn anders als Hilde Löwenstein, die nach ihrer Heirat Palm hieß und sich als Dichterin Domin nannte, es später gern darstellte, war es nicht visionäre Früherkennung der politischen Lage, sondern vielmehr deren Verkennung, die sie so früh und scheinbar sorgenfrei das Land verlassen ließ, in das sie und ihr Mann erst 22 Jahre später zurückkehren sollten.

          Zunächst: die Liebe

          Das ist nur eine der Erkenntnisse, die sich aus der Lektüre des schönen, dramatischen, poetischen, traurigen und romantischen Briefbands gewinnen lassen, der in diesen Tagen, pünktlich zum hundertsten Geburtstag der Dichterin, erscheint. Es ist die Geschichte der Flucht an einen Ort, an den sonst keiner floh, damals, als so viele Juden aus Europa sich in alle Welt verstreuten. Es ist die Geschichte einer sonderbaren Liebe, der Liebe einer modernen, selbstbewussten Frau zu einem selbstbesessenen, machohaften, ganz sich seiner Kunst und seinen Studien widmenden Mann, dem sich die Frau so lange klaglos dienend unterordnet, bis es eines Tages zur Explosion kommt, die das ganze Liebesgleichgewicht zu zerstören droht. Und es ist vor allem die Geschichte einer Dichter-Werdung unter den merkwürdigsten Umständen.

          „Die neue Badestelle wäre nichts für Dich, sie reißt einen beinahe mit”, schreibt sie an ihn

          Aber zunächst: die Liebe. Im Sommer 1931 haben sie sich in der Mensa im Heidelberger Marstallhof kennengelernt, der Student der Altphilologie und die damals noch Jura studierende Domin. Eine intellektuelle Liebesbeziehung von Anfang an. In den ersten Briefen wütete sie gegen den „bestgehaßten Tucholsky“, gegen einen feigen Artikel des „kompromißlerischen Joseph Roth“ in der „Frankfurter Zeitung“, sie schreibt über Karl Jaspers, Kant und über Plato, den gemeinsam zu lesen sie sich abends regelmäßig trafen. Später hat sie sich an die Anfänge so erinnert: „Mit den Platoabenden war er allen Rivalen, die in mich verliebt waren, von vornherein überlegen. Es war dies, die gemeinsamen Leseabende, der Beginn einer Lebensform, die sich für uns Jahrzehnte lang bewährt hat, besonders auch in den Jahren der Not.“ Sie nennt sich Hase in allen Variationen und unterzeichnet meist mit einem Hasenbild, ihn nennt sie Affe, Äffchen, Affi. Eine Studentenliebe in Heidelberg, wie aus dem Lehrbuch der Romantik, so sieht es auch Palm, als er über die Stadt und seine Freundin schreibt: „Ihr zwei gehört nämlich unlöslich zusammen: ihr seid süß und betäubend wer euch einmal geküßt hat ist euch verfallen.“

          Sie nennt sich selbst „Hasenmanagerin“

          Doch Schwierigkeiten gab es auch, von Anfang an. Beide hatten neben ihrer Beziehung Affären, mehrmals ist ihre Liebe beinahe am Ende, Klagen häufen sich: „Warum sind Deine Briefe so dürr wie die Bäume im Winter?“ fragt Domin, um zwei Monate später in einem Geständnisbrief zerknirscht zu schreiben: „Ich habe Dich viel zu lieb, um zuzusehen, wie ich Dich ruiniere.“ Es pendelt auf beiden Seiten zwischen Liebe und Untreue so hin und her, um sich doch meist wieder in einem Gleichgewicht auszubalancieren. Erst mit der Reise nach Italien schlägt das Pendel zuungunsten Domins aus. Es war ein großer Schritt für sie damals, unverheiratet, als junge Studentin ohne Geld, ihrem Freund ins Ausland zu folgen. Skeptisch stimmten ihre Eltern zu. Kurz vor der Abreise wird sie krank, beinahe flehentlich bittet Domin Palm um einen Aufschub der Reise um ein oder zwei Tage. Das lehnt er ab und fährt allein voraus.

          Von jetzt an ist klar, wer dient und wer sich selbst verwirklicht. Domin verdient das Geld mit Sprachunterricht, er widmet sich seinen Studien der Archäologie und Kunstgeschichte. Und vom Beginn des Jahres 1933 an ist auch den sorglosen Studienreisenden klar, dass eine baldige Rückkehr in die Heimat unwahrscheinlich ist. Und auch im Italien Mussolinis wird die Lage für die beiden jüdischen Studenten langsam unsicher. All die praktischen Herausforderungen des Exils hat Hilde Domin für die beiden bewältigt. Sie nennt sich selbst „Hasenmanagerin“ und „Bodenmannschaft seines Flugzeugs“, er nennt sie später in guten Stunden „eine großartige Sekretärin“.

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