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Hilary Mantel zum Sechzigsten : Eine Besessene, immer absolut flüssig

Mit Schulweisheit nicht zu fassen: „Ich habe das bestimmte Gefühl, dass die Welt unserer Sinneswahrnehmungen nicht das Ende der Geschichte ist.“ Bild: AP

Hilary Mantel zerschreibt alle Zweifel an der Möglichkeit des historischen Romans. Noch aus der modernen Perspektive gewinnt sie geschichtliche Macht. Zum sechzigsten Geburtstag der Schriftstellerin.

          Mit sieben Jahren hat Hilary Mantel im Garten ihres Elternhauses den Teufel gesehen. Er war so groß wie ein zweijähriges Kind. Hilary hatte sich auf ihre erste heilige Kommunion vorbereitet, aber die Gnade verließ sie, „wie Flüssigkeit aus einem Leichnam austritt“, als der böse Geist ihr in die Glieder fuhr, „ein Körper in einem Körper“. In ihrem Memoirenbuch „Giving Up the Ghost“ bleibt die englische Schriftstellerin eine psychologische Erklärung des Erlebnisses nicht schuldig.

          Die Teufelserscheinung ergibt Sinn als Kapitel in der Geschichte eines hochempfindlichen, früh entwickelten Selbstbewusstseins. Das Kind machte die Bekanntschaft jener Sphäre, die Erwachsene mit den Begriffen der Scham und des schlechten Gewissens bezeichnen. Mit zwölf Jahren begriff Hilary Mantel, dass sie an den Gott ihrer katholischen Eltern nicht mehr glauben konnte - und damit auch nicht an den Teufel.

          Ein Werk mit übersinnlichen Tönen

          Gleichwohl werden die Leser ihrer Romane bezweifeln, dass sie den Inkubus, der ihr die kindliche Unschuld raubte, je abgeschüttelt hat. Das Pathologische der Religion ist ein unerschöpfliches Thema dieser Autorin: die faulen Kompromisse der Volkskirche, die Illusionen einer progressiven Theologie der evolutionären Anpassung, die panischen Phantasien des islamischen Fundamentalismus, die jämmerliche Schäbigkeit des Geschäfts mit den Selbsterlösungsversprechen.

          Aber die Erfahrungswelt der radikal sozialkritischen Romane Hilary Mantels ist mit der rationalistischen Schulweisheit nicht zu fassen. Die Autorin spricht von der übersinnlichen Färbung ihres Werkes. „Ich habe das bestimmte Gefühl, dass die Welt unserer Sinneswahrnehmungen nicht das Ende der Geschichte ist.“ Es wimmelt von Gespenstern, häufig tote oder ungeborene Kinder, und es treten Teufelsfiguren auf, die eben nicht nur Figuren, nicht nur allegorische Erfindungen sind. Hilary Mantel ist eine Besessene.

          Alles neu, nichts selbstverständlich

          2009 gelang ihr mit „Wolf Hall“ (deutsch unter dem Titel „Wölfe“ bei DuMont) ein Sensationserfolg: Der 650 Seiten starke Roman wurde mit dem Booker-Preis ausgezeichnet und verkaufte sich besser als jeder Siegertitel zuvor. Dabei ist der Held alles andere als anziehend: Thomas Cromwell, Minister Heinrichs VIII., ein Aktenfresser und Virtuose der mehrfachen Buchführung. Cromwell war der kaltblütigste Exorzist der englischen Geschichte: Er organisierte die Loslösung der Anglikaner von Rom und die Vergesellschaftung des Klosterbesitzes, gemäß der Parole, die papsttreue Kirche sei ein Staat im Staate gewesen, ein Körper in einem Körper.

          Anspruchsvollen Lesern gilt der historische Roman als ein Ding der Unmöglichkeit. Der nachgeborene Schriftsteller, gab Henry James zu bedenken, kann das Kostüm einer Epoche kopieren, hat aber kein Organ für das Fluidum ihres Lebensgefühls. Mit einem brillanten Kunstgriff und bewundernswertem Fleiß widerlegt Hilary Mantel diese Bedenken: Wir sehen das England der Tudors im wörtlichsten Sinne mit den Augen Cromwells, mit dem taxierenden Blick eines Reformers. Dem Aufsteiger ist alles neu und nichts selbstverständlich. Die moderne Perspektive wird in diesem Moment selbst zur historischen Macht.

          In seelischer Nähe zur Hauptperson

          Hilary Mantel erklärt die Wirkung ihrer Hauptperson damit, dass sie keine fixe Idee von Cromwells Charakter gehabt habe. „Man muss als Schriftsteller absolut flüssig sein. Man muss zu allem werden, was das Material von einem verlangt. Man muss ständig bereit sein, die Gestalt zu wechseln.“ Das sind exakt die Maximen der Überlebenslehre, die Cromwell sich dem Roman zufolge in seinen Lehrjahren im Bankgeschäft von Florenz aneignete. Ausdrücklich spricht Hilary Mantel davon, dass die Person im Zentrum der Welt des Buches ihr seelisch nahestehen muss. „Es gibt einen permanenten unsichtbaren Austausch, eine Art Energietransfer.“ Als sie die erste Seite von „Wolf Hall“ geschrieben habe, sei „ein solcher Energieschub“ auf sie übergegangen, dass sie geglaubt habe, nichts könne sie aufhalten.

          Die Energie strömt weiter: Ein zweiter Band, „Bring Up the Bodies“, ist in diesem Jahr erschienen. Noch erlebt Cromwell seine Karriere als unaufhaltsam. Aber sein Gefolge bilden Gespenster, die Geister der hingerichteten Konkurrenten. Hilary Mantel hat einen dritten Band versprochen. Am Freitag wird sie sechzig Jahre alt.

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