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Zum Tod von Hilary Mantel : Englands wichtigste literarische Stimme ist verstummt

Hilary Mantel Bild: AFP

Mit ihrer Thomas-Cromwell-Romantrilogie schrieb sie Geschichte – in jeder Hinsicht. Hilary Mantel begeisterte die ganze Welt für die Zeit der englischen Tudor-Herrschaft. Nun ist die Schriftstellerin im Alter von siebzig Jahren gestorben.

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          Dass sie krank war, wussten alle; es gehörte mit zu ihrem Mythos: Die britische Schriftstellerin Hilary Mantel litt seit fünfzig Jahren an Endometriose, einer bei Frauen auftretenden Erkrankung, die schwer belasten kann. Gerade weil Hilary Mantel aber diesem Handicap ein so gigantisches Werk abgetrotzt hat, kommt die Nachricht ihres gestrigen Todes nun wie ein Schock. Schlaganfall im Alter von siebzig. Was sind siebzig Lebensjahre heute schon? Zumal, wenn man gerade in den letzten fünfzehn davon das Hauptwerk geschaffen hat.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist natürlich die Thomas-Cromwell-Trilogie, die Romane „Wölfe“ (2009), „Falken“ (2012) und „Spiegel und Licht“ (2019), mit denen Hilary Mantel zur internationalen Berühmtheit wurde. Sie schrieb in jeder Hinsicht Geschichte: thematisch, indem sie uns die englische Renaissancezeit unter der Herrschaft Heinrichs VIII. und dessen zeitweiligen Lordkanzlers Thomas Cromwell derart nah brachte, dass man bei der Lektüre glaubte, lebenden Figuren zu begegnen, und literarisch, indem sie als erster Autor mit allen Bänden einer Trilogie für den Booker-Preis, die wichtigste englischsprachige Literaturauszeichnung, nominiert war – und ihn für die ersten beiden auch jeweils gewonnen hat.

          Der dritte Booker wäre auch hochverdient gewesen, aber was hätte er ihr außer einem Rekord für die Literaturgeschichtsbücher noch bieten sollen? Die Trilogie verkaufte sich ohnehin weltweit millionenfach. Der letzte Band wurde dann nicht nur der dickste, sondern er rundete die Handlung um Aufstieg und Fall des Thomas Cromwell auch derart konsequent ab, dass man meinen könnte, Mantel hätte schon bei der ersten geschriebenen Zeile ihre letzte – anderthalb Jahrzehnte später – im Kopf gehabt.

          Sie war indes schon längst eine erfahrene und etablierte Schriftstellerin, als sie sich an den Cromwell-Stoff machte. Mit „Brüder“ (im Original „A Place of Greater Safety“ und 1992 erschienen, während die deutsche Übersetzung erst zwanzig Jahre später erschien, nach dem Erfolg von „Wölfe“) hatte sie für die Französische Revolution etwas ähnlich literarisch Beachtliches geleistet wie dann später für die Tudor-Zeit. Ihr auch schon tausendseitiges Stimmenkaleidoskop aus Frankreich machte erstmals deutlich, was Hilary Mantel faszinierte: die Unberechenbarkeit von Geschichte, die aus heutiger Perspektive so klar im Ablauf erscheint, aber sich den Wünschen der seinerzeitigen Akteure trotz größter menschlicher Klugheit, Planung oder Perfidie entzog. Wie sie das vorführte, faszinierte wiederum uns: Die Lektüre von Mantels Romanen lehrt Demut vor dieser Unberechenbarkeit der Geschichte und vor den Fähigkeiten der Autorin, sie in eine Form zu gießen, die historisch-authentisch wirkt und trotzdem unserem gegenwärtigen Literaturverständnis entspricht.

          Nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Streiterin

          Begonnen hatte alles 1985 mit einem zeitgenössischen Thema: „Every Day Is Mother’s Day“ hieß Hilary Mantels Debütroman, und die Bosheit, Spitzzüngigkeit und psychologische Genauigkeit dieses Porträts der englischen (Klassen-)Gesellschaft ließ bereits ahnen, was für eine analytische Beschreibungskraft in ihren Folgebüchern entstehen sollte. Aber erst mit „Reizklima“ erschien 1995 ein Roman von Mantel auf Deutsch, und man darf es einen Glücksfall für ihren nunmehrigen hiesigen Verlag, DuMont, nennen, dass das deutsche Publikum mit den zunächst bei Krüger und dann bei Fischer verlegten Titeln noch nichts anzufangen wusste, so dass nach dem englischen Erfolg von „Wölfe“ die Karten für Lizenzausgaben neu gemischt werden konnten. Zu nennen ist als wichtiger Faktor des späten Erfolgs in Deutschland allerdings auch Werner Löcher-Lawrence, Mantels deutsche Stimme, der sich mit seiner Arbeit an der Cromwell-Trilogie in die vorderste Reihe der Übersetzer aus dem Englischen geschrieben hat.

          Als „Spiegel und Licht“ erschien, hatte man das Gefühl, einem Epochenende beizuwohnen; nun tritt es tatsächlich ein, auch in der Wirklichkeit. Dass Hilary Mantel sich nicht noch einmal auf ein ähnlich umfangreiches Buch einlassen wollte, hatte sie vielfach erklärt. In den sieben Jahren zwischen dem zweiten Teil der Trilogie und deren Abschlussband hatte sie ihren Ruhm aber auch zu politischen Stellungnahmen genutzt, vor allem gegen den Brexit. Sie sah in ihrer Schilderung des politischen Ränkespiels der Renaissance, das weit über die britischen Inseln hinausging, ein Plädoyer für europäische Verständigung und die Unteilbarkeit des gemeinsamen kulturellen Erbes. Auch diese Hilary Mantel, die engagierte Publizistin, wird bitter fehlen. Die Frau, die das große britische Historienepos des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschrieben hat, war eine große Kosmopolitin. Und das schon, bevor ihre Bücher auf der ganzen Welt gelesen wurden.

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