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Hilary Mantel wird 70 : Die Kunst der Puppenspielerin

Souveräne Erzählkünstlerin: die englische Schriftstellerin Hilary Mantel Bild: AFP

Mit ihrer Romantrilogie über den Renaissance-Machtmenschen Thomas Cromwell wurde Hilary Mantel weltberühmt. Heute feiert die englische Schriftstellerin ihren siebzigsten Geburtstag.

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          Am 25. März 1989 rezensierte Hilary Mantel im englischen Wochenmagazin „Spectator“ den neuen Film von Stephen Frears, „Dangerous Liaisons“. Die Verfilmung des Briefromans von Choderlos de Laclos sei besser als erwartet, schrieb sie, vor allem dank Glenn Close und John Malkovich in den Hauptrollen. Ein schwerer Fehler liege aber darin, dass der Regisseur „die guten Ma­nieren des Hollywood-Kostümdramas“ beibehalten habe: „Alles ist hübsch und ma­kellos in dieser luftleeren Welt; alles schimmert. Das Paris von 1780 schimmerte nicht: Es war für seinen Dreck berüchtigt, selbst nach damaligen Maßstäben.“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Filmkritikerin Mantel wusste, wo­von sie sprach. Fünfzehn Jahre zuvor hatte sie mit der Arbeit an einem historischen Ro­man begonnen, der die Geschichte der Französischen Revolution aus der Sicht der drei Hauptbeteiligten Danton, Robespierre und Camille Desmoulins schildern sollte. In „A Place of Greater Safety“ ist Paris so dreckig, wie es bei Frears nicht sein durfte, und der makellose Robespierre wird bei der traurigen Entjungferung seiner Verlobten gezeigt. Das Buch erschien allerdings erst 1992, seine deutsche Übersetzung un­ter dem Titel „Brüder“ sogar erst 2012. Der Genius des Ruhms, könnte man sagen, hat im Um­gang mit Hilary Mantel schlechte Manieren gezeigt: Er hat ihre Entdeckung zu lange vor sich hergeschoben.

          Der Gossengeruch haftet an allen Handelnden

          Wirklich berühmt wurde Mantel im Jahr 2009, als ihr Roman „Wölfe“ den Booker-Preis gewann. Hatte sich das Revolutionspanorama noch an die Spielregeln der Gattung gehalten und seine Handlung im Im­per­fekt abgespult, so vollzog die Lebensbeschreibung des Thomas Cromwell, der als allmächtiger Minister Heinrichs VIII. die Reformation in England durchsetzte, eine kopernikanische Wende im historischen Genre. Das Buch ist durchweg im Präsens erzählt, es reißt das Geschehen ins Jetzt und zwingt uns, darin einzutauchen wie in einen Film.

          Und natürlich ist hier nichts hübsch und makellos, der Geruch der Gosse haftet an allen Handelnden, selbst am Kö­nig, der sich so sehr einen männlichen Erben wünscht, dass er eine Ehefrau nach der anderen verstößt oder köpfen lässt. Der Einzige, der das erkennt und für sich zu nutzen weiß, ist eben Cromwell, mit dem Hilary Mantel eine literarische Jahrhundertfigur geschaffen hat: den Machtmenschen, der zugleich Strippenzieher und Ma­rionette der irdischen Verhältnisse ist.

          Den Brexit lehnt sie ebenso ab wie die ka­tho­lische Kirche

          Auf „Wölfe“ folgten „Falken“ und „Spiegel und Licht“, ein zweites Mal (und als erste Autorin überhaupt) gewann Mantel den Booker-Preis, die Queen ernannte sie zur Dame Hilary, und die Verkaufszahlen ihrer Bücher stiegen ins Sagenhafte. Eine zahme Klassikerin ist Hilary Mantel deshalb aber nicht geworden. Vor neun Jahren legte sie sich mit der britischen Presse und dem Premierminister an, als sie die Herzogin von Cambridge als Schaufensterpuppe bezeichnete, und ein Jahr später provozierte sie die konservative Öffentlichkeit mit einer Story über die Ermordung Margaret Thatchers. Den Brexit lehnt sie ebenso ab wie die ka­tho­lische Kirche.

          Die Furchtlosigkeit, mit der sie ihren Standpunkt äußert, mag damit zu tun haben, dass sie als junge Frau mit ei­ner schweren Krankheit zu kämpfen hatte, eine Leidenszeit, die sie in ihrer Au­to­bio­graphie „Von Geist und Geistern“ eindrucksvoll schilderte. Heute wird Dame Hi­la­ry Mantel, die ihren filmkritischen Blick in souveräne Erzählkunst verwandelt hat, siebzig Jahre alt.

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