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Herta Müller zu den Spitzelberichten : Der doppelte Pastior

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„Verbittert” über den Verrat: Die in Rumänien geborene Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller Bild: dpa

Sie war ihm persönlich eng verbunden, nun sieht sich die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr Dichterfreund Oskar Pastior substantielle Spitzelberichte schrieb.

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          Die Schriftstellerin Herta Müller, deren Roman „Atemschaukel“ unter anderem auf Erinnerungen Oskar Pastiors an seine Lagerzeit beruht, ist über die nun bekanntgewordenen Spitzelberichten des IM „Otto Stein“ entsetzt: „Es gibt Oskar Pastior zweimal. Ich lerne erst jetzt den zweiten kennen. Und das verbittert mich“, sagte die Literaturnobelpreisträgerin im Gespräch.

          Da man in der Securitate-Zentrale in Bukarest zunächst keine Spitzelberichte gefunden hatte, habe sie geglaubt, Pastior habe „wie Tausende anderer ,Inoffizieller Mitarbeiter‘, die unter dem Druck der Haftandrohung standen, durch eine Verpflichtungserklärung versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Man unterschrieb, lieferte aber dann keine Berichte.“ Diese Annahme habe sich als Irrtum erwiesen. „Ich halte es nun für wahrscheinlich, dass es weitere Berichte von Pastior gibt.“

          Das ganze Umfeld untersuchen

          Pastior habe nie einen Hinweis auf dieses Kapitel in seinem Leben gegeben. „Ich habe jetzt den Eindruck, Pastior hatte damit für sich innerlich abgeschlossen. Die Akten in Bukarest waren damals noch nicht zugänglich. Er hatte sich ja nach dem Wechsel in den Westen dem bundesdeutschen Verfassungsschutz, der CIA und dem britischen Geheimdienst ,restlos anvertraut‘, wie es auf einem handschriftlichen Zettel steht, den wir nach seinem Tod in der Wohnung gefunden haben. Der Verfassungsschutz sagt, er habe keine Akten mehr aus dieser Zeit. Vielleicht finden sich bei den Allierten noch seine Erklärungen von damals.“

          Weitere Berichte werden wahrscheinlich auftauchen: Oskar Pastior
          Weitere Berichte werden wahrscheinlich auftauchen: Oskar Pastior : Bild: dpa

          Sie gehe davon aus, so Müller, dass „wir von der Pastior-Stiftung eine Forschergruppe beauftragen werden, das ganze Umfeld Pastiors zu untersuchen. Wir müssen es uns jetzt zur Aufgabe machen, die Verstrickung von Schriftstellern und Geheimdienst in der Diktatur – auch an Pastiors Beispiel – zu untersuchen. Aber das geht nicht von heute auf morgen.“

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