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Herta-Müller-Ausstellung : Das Leben besteht nicht nur aus Schrift

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Oskar Pastior und Herta Müller in der Ukraine Bild: Literaturhaus München

Diese Karriere steht in keinem Bilderbuch, sondern in den Akten: Das Literaturhaus München zeigt die erste Ausstellung zu Herta Müller. Sicht- und hörbar werden Motive und Entstehungsbedingungen eines erstaunlichen Werks.

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          Der Himmel hängt voller Denunziationen. Es sind die 914 Seiten der Akte „Cristina“, die der rumänische Geheimdienst zu Herta Müller anlegte, angeblich erst ab 1983. Auf jedem Blatt prangt der Stempel der Aktenbehörde CNSAS, die das Konvolut im Dezember 2008, nach jahrelangen Anfragen, endlich kopierte und Herta Müller aushändigte. Bis dahin hatte der rumänische Informationsdienst SRI, der Nachfolger der Securitate, allerdings mehr als zehn Jahre Zeit gehabt, sie zu edieren. Demokratie auf rumänisch, das seien „Schnüffler, die einem hinterherlaufen“, schreibt Herta Müller in „Cristina und ihre Attrappe“, einem Essay über ihre Akte.

          Die Kuratoren der ersten Ausstellung zu Leben und Werk von Herta Müller, die das Literaturhaus München jetzt unter dem Titel „Der kalte Schmuck des Lebens“ zeigt, haben die Seiten der Akte auf Drähte gefädelt und in Stirnhöhe angebracht. Klug sorgen sie so dafür, dass der Besucher diese papierne Spur der jahrelangen Verfolgung und Verleumdung durch das Ceausescu-Regime und seine Handlanger im Wortsinn niemals aus dem Blick verliert - und dass sie die Schau dennoch nicht beherrscht.

          Graublaue Vergangenheit

          Der Himmel über dem Dorfbrunnen ihrer banatschwäbischen Kindheit sei „wie mit einer Schnur in zwei geteilt, in eine aschgraue und eine schwarzblaue Hälfte“. So heißt es in Herta Müllers Prosastück „Das kalte Lied“, das 1984 im Band „Drückender Tango“ in Bukarest erschien und jetzt im Begleitheft zur Ausstellung erstmals in Deutschland veröffentlicht wird. Graublau ist dementsprechend die Farbe der Ausstellung, und graublau sind auch die Holzvitrinen gestrichen, in denen Fotos, Bücher und Aufzeichnungen, Zeitungsausschnitte und andere Dokumente die Lebensstationen Herta Müllers belegen. Die Decke, nach der man sich hier streckt, an den Spitzelprotokollen vorbei, ist jener wundersame Bogen „von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis ins Stadthaus von Stockholm“, den Herta Müller in ihrer Tischrede zum Nobelpreisbankett selbst schlug, um festzustellen: „Ich stehe, wie so oft, auch hier neben mir selbst.“

          Vier Hefte mit Notizen halten Oskar Pastiors Erinnerungen für den Roman „Atemschaukel” fest
          Vier Hefte mit Notizen halten Oskar Pastiors Erinnerungen für den Roman „Atemschaukel” fest : Bild: Archiv Herta Müller und Harry Merkle

          Im hohen, gedimmten Ausstellungssaal des Münchner Literaturhauses, der im Moment etwas von einer Kathedrale hat, steht die Autorin nun gleichsam neben dem Betrachter, sie sitzt ihm im Ohr. Denn das Konzept, das der Schriftsteller Ernest Wichner, Herta Müllers Mitstreiter und Freund seit Jugendtagen, zusammen mit seinem Kollegen Lutz Dittrich vom Literaturhaus Berlin entworfen hat, verlässt sich ganz auf die Protagonistin - und tut gut daran.

          Überraschend auch als Drehbuchautorin

          Der Audioguide ist in diesem Fall nicht bloß Hilfsmittel, sondern Herz und Zunge dieser hochkonzentrierten Schau: Zu den ausgewählten Stationen aus Leben und Werk kommt Herta Müller fast ausschließlich selbst zu Wort - und bringt Tempo, Temperament und Leben in die Schau. Die Auszüge aus Lesungen, Interviews, aus dem Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“ sowie eigens für die Schau eingelesene Passagen aus ihrem Werk stellen sprechende Bezüge her.

          Dazu gibt es Filme, für die sich Zeit zu nehmen lohnt, etwa ein Fernsehbeitrag aus der BR-Sendung „Lesezeichen“ zum Erscheinen der „Niederungen“ 1984, in dem die archaisch anmutenden Gebräuche der Banatschwaben geschildert werden. Für viele überraschend dürfte auch der Film „Der Fuchs der Jäger“ sein, eine deutsch-rumänische Koproduktion von 1993, zu der Herta Müller und Harry Merkle das Drehbuch geschrieben hatten - und es nochmals schrieben, als sie feststellen mussten, dass die rumänische Fassung ihre Vorlage weitgehend ignorierte. Ihren Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ schrieb Herta Müller nach dieser Erfahrung.

          Widerwärtige Schmähbriefe aus geistigem Umfeld

          In mehreren, ausführlich dokumentierten Stationen berichtet die Ausstellung von der 1972 gegründeten „Aktionsgruppe Banat“. Baden gingen die Mitglieder Rolf Bossert, Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok, Richard Wagner und Ernest Wichner, wie Sommerfotos belegen, zunächst nur in der Temesch. Nachdem die Securitate 1975 die Auflösung der Gruppe erzwungen hatte, beschlossen einige Mitglieder, darunter auch Herta Müller, den offiziellen Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis zu unterwandern, der Müller sogar 1981 ihren ersten Literaturpreis verlieh. Sie erinnert sich an einen „Seniorenverein mit lauter schlechten Schriftstellern“, die bei den Lesungen der ästhetisch wie politisch aufsässigen Neuzugänge wie vom Donner gerührt waren: „Die haben dann ihren Schmonzes gemacht und wir unsere Sache, und dann sind die halb ohnmächtig geworden.“

          In einem Staat, in dem bereits die Nutzung einer Schreibmaschine offiziell autorisiert werden musste, war ein Buch wie „Niederungen“ eine Provokation, die Hass hervorrief. Von den Schikanen, denen Herta Müller nach der Publikation ausgesetzt war, zeugen widerwärtige Schmäh- und Drohbriefe aus dem geistigen Umfeld der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Manche, wie die Weggefährten Rolf Bossert und Roland Kirsch, haben den Druck durch das Regime nicht überlebt.

          In seiner Rede zur Eröffnung hat Ernest Wichner darauf hingewiesen, wie schwierig es ist, „unter der Schicht des fiktional Erzählten das Korsett des tatsächlich Gelebten und Erfahrenen“ freizulegen - und, so möchte man hinzufügen, hinter dem Zeig- und Sagbaren die Leitlinien und Arbeitsweisen. Das gelingt besonders im letzten Teil dieser eindringlichen Schau, die sich der Zusammenarbeit mit Oskar Pastior und der skrupulösen Entstehung von „Atemschaukel“ widmet. Den Schluss bilden neue Collagegedichte, die ihr Freund Pastior so liebte und mit deren Hilfe Herta Müller den Nobelpreisrummel ausgehalten hat. Das glückliche Fazit nach zigtausend Schnipseln: „So viele Wörter hat niemand.“

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