https://www.faz.net/-gr0-6yqp6

Hermann Hesse : Jedem Foxtrott wohnt ein Zauber inne

  • -Aktualisiert am

Immer etwas stärker als die Wirklichkeit: Hermann Hesse (1877 bis 1962), qualmend vor Ideen Bild: Gret Widmann/Suhrkamp Verlag

Von der Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit: Hermann Hesse ist der Dichter der Stunde. Denn über die Krise des modernen Menschen hat uns keiner mehr zu sagen.

          Am Anfang macht es ja meistens erst mal ,boing’, so wie bei Stefan Zweig, dem frühen enthusiastischen Hesse-Leser, der bei seinem ersten Besuch im Hause des Meisters so euphorisch über die Schwelle getreten war, dass er den niedrigen Dachbalken übersah und so von seiner Begeisterung quasi niedergestreckt wurde. Hesse half ihm aufs Sofa, wo der um sein Bewusstsein ringende Zweig erst nach einer Viertelstunde die Sprache wiederfand. „Er war zu rasch und enthusiastisch eingetreten, als dass ich ihn hätte warnen können“, schrieb Hermann Hesse später tadelnd und spöttisch über diese erste Begegnung.

          So geht es vielen Menschen beim ersten Eintritt in die Hermann-Hesse-Welt: Die Begeisterung streckt einen nieder, raubt das Bewusstsein oder schraubt es in Sphären empor, von denen man vorher nicht einmal ahnte, dass es sie gibt. Es ist nicht Hesses Fehler, dass viele Leser sich später dieses ersten Rausches schämen, sobald sie mit - wie sie selbst meinen - hellem, klarem, stilistisch und zynisch aufgeklärtem Leseverstand zu der frühen Begeisterung zurückkehren wollen und dabei scheitern. Hesse selbst sah sich in der Zeit vor seinem Tod vor beinahe fünfzig Jahren von Spöttern und Kritikern umgeben, die in den Zeitungen seine angeblichen Kinderverse, seine Blumensprache und Gärtnerseele, seine ganze strohhuthafte Heiligkeit verhöhnten.

          So kann es nicht weitergehen

          Es war ihm egal. Er erklärte stolz, er sei eben gegen Ende seines Lebens zu der naiven und kindlichen Art, die Welt zu betrachten, zurückgekehrt, schrieb weiter, arbeitete im Garten vor seinem Haus in Montagnola und sah am liebsten dem selbstentfachten Reisigfeuer zu.

          Was ist mit dem Werk von Hermann Hesse, jetzt, fünfzig Jahre nach seinem Tod? Ist es noch lebendig, lesenswert oder doch genau so lächerlich, wie weise Leser es behaupten? Hermann Hesse selbst war da, bei allem überbordendem Narzissmus, selbst mitunter nicht ganz sicher. Er war zum Beispiel 1926, ein Jahr vor seinem fünfzigsten Geburtstag, in einer seiner vielen Lebenskrisen, in Selbstmordstimmung wie fast immer. Er ist in Zürich, liest in der Zeitung die Ankündigung eines Hesse-Abends, bei dem seine frühen Gedichte vorgetragen werden sollen. Hesse geht heimlich hin, hört zu, sieht all die jungen Menschen, die verzaubert und schwärmerisch seinen Versen lauschen, und ekelt sich vor sich selbst, vor seiner frühen Kunst, der ganzen „hübschen Seichtigkeit“, verlässt die gespenstische Veranstaltung und trinkt im „Schwarzen Adler“ allein Wein auf Wein.

          So kann es nicht weitergehen, es fehlt ihm an neuen, an sinnlichen Erfahrungen. Schon Anfang des Jahres hatte er in einem Brief an seinen Neffen geschrieben: „Für mich ist die romantisch-literarische Welt und die Arbeit daran zur Zeit recht fern gerückt, ich lebe, soweit ich überhaupt lebe, in aktueller, lebendiger Romantik und Magie und schwimme wieder viel in der farbigen Tiefsee völlig außernormaler, phantastischer Träume und Vorstellungswelten.“

          Das Buch der Krise des modernen Menschen

          Und er stürzt sich ins Leben, geht auf Maskenbälle, verliert sich im Rausch, verliebt sich in Frau um Frau, sammelt ihre Strumpfbänder als Trophäen, kehrt am nächsten Morgen erst zurück, in den Kreis seiner Freunde, die müde in ihren Sesseln ihn erwarten. Hesse tanzt auf den Tischen, schreibt ihnen frivole Verse auf die frisch gestärkte Hemdbrust und zieht weiter in die Kronenhalle zu einem frühen Imbiss. „Ich war ein richtiger Foxtrottel, daß ich mich 30 Jahre mit den Problemen der Menschheit abgemüht habe, ohne zu wissen, was ein Maskenball ist“, schreibt er selig an einen Freund und an eine Freundin: „Ich sehe mir dabei zu, wie der weise Autor des ,Siddhartha’ den Foxtrott schreitet und sein Weibchen an sich drückt. Aber es geht jeder Fortschritt auf dem Weg übers Irrationale, Dumme und Verrückte oder Kindische, ich bin ganz damit einverstanden.“

          Weitere Themen

          Immer fest spielen

          Schloss Leopoldskron : Immer fest spielen

          Vom Marshallplan des Geistes: Ein Besuch auf Schloss Leopoldskron, dem Ort, an dem die Salzburger Festspiele gegründet wurden.

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
          Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944).

          „Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

          Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.
          Tenor seiner Aussagen: „Ibiza“ war peinlich, aber nichts Unrechtes sei gesagt worden, „ich habe eine saubere Weste.“ – Heinz-Christian Strache

          Strache und die FPÖ : „Ich habe eine saubere Weste“

          Die Zukunft der skandalträchtigen FPÖ ist nach dem „Ibiza“-Skandal um Heinz-Christian Strache weiter ungewiss. Die Razzien bei FPÖ-Leuten bezeichnete er als ein politisch motivierten „Unrechtsakt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.