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Zum Tod von Herbert W. Franke : Kenner des gesamten Kosmos

Im Alter von 95 Jahren gestorben: Physiker und großer Erzähler: Herbert W. Franke Bild: Florian Voggeneder/laif

Großer Erzähler, Computerkunstkenner, Physiker, Höhlenforscher und ungeheuer neugierig: Zum Tod des Universalschriftstellers Herbert W. Franke.

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          Wenn starke Stimmen leise werden, nähern sie sich ihren innersten Geheimnissen. So hat Herbert W. Franke im Flüsterton seinem hyperdichten Hörspiel „Signale aus dem Dunkelfeld“ (1980) für die Druckfassung im Suhrkamp-Bändchen „Keine Spur von Leben . . .“ einige Bemerkungen angeschlossen, die zwar in spröd systemtheoretischem Slang formuliert sind, aber aus geöffnetem Herzen fließen, als Bekenntnis des Wissens, „dass die Chance auf Überleben und Funktionieren am besten gewahrt ist, wenn das System aus verschiedenen, unabhängig voneinander operierenden Einheiten besteht, die sich unter Umständen auch durch verschiedene ‚Begabungen‘ voneinander unterscheiden“.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Autor dieser Formulierung hatte, als er dies schrieb, seine Eignung zum „Überleben und Funktionieren“ bereits als Elektronenoptiker, Werbefachmann eines technischen Konzerns, Kurz­geschichtenfeuerwerker, lakonischer Ro­mancier, populärer Wissenschafts­didak­tiker und Theoretiker der Künste be­wiesen, mit alledem Geld verdient und einigen Respekt erworben, unterwegs aber auch noch Zeit gefunden, in fledermausverseuchte Höhlentiefen hinabzuleuchten und mit Computergrafiken zu experimentieren. Das Genre „Science Fiction“, ein paradoxes Unternehmen der Verstetigung des Staunens, verdankt ihm im deutschen Sprachraum sehr viel: Vor sechzig bis dreißig Jahren, als große Taschenbuchhäuser der Bundesrepublik von Heyne über Goldmann bis Suhrkamp sich sorgfältig kuratierte Reihen fantastisch-spekulativer Literatur leisteten, ge­hörte er mit Leuten wie Thomas Le Blanc und dem unvergleichlichen Wolfgang Jeschke zu den verantwortungsbewussten Ermöglichern einheimischer Schreib- und Lesarten der Gattung. Frankes im Jahr der Erstausstrahlung von „Signale aus dem Dunkelfeld“ publizierter Roman „Schule für Übermenschen“ beginnt mit einer Anzeige, die Leute seines Schlages sucht: „Astronauten, Aquanauten, Speläonauten“.

          Spekulativer Kopf

          Die abenteuerlichen Fächer, in denen man sich da hervortun soll, sind, wie der weitere Romanverlauf erhellt, veranschaulichende Klarnamen für die verborgene große Variable des abstraktesten Abenteuerhungers, der Neugier schlechthin. Deren „Nautik“ will nicht das Meer, den Kosmos oder das Erdinnere durchmessen, sondern das allgemeine Gesetz des Ganzen finden; sie ist, nach dem griechischen Wort „Nomos“ für „Gesetz“, eigentlich: Nomonautik. Als spekulativer Kopf, guter Geist der „Ars Electronica“ und wohlwollender Beobachter „zellu­larer Automaten“, also primitiv-robuster Rechenvorschriften mit unerwarteten Er­gebnissen, taufte Franke diesen Nomos schließlich mit charakteristischem understatement „Programm“ und widmete der Idee, dass sich so ein Programm aus Messbarem erschließen lässt, 1995 ein noch heute sehr anregendes Sachbuch namens „Das P-Prinzip – Naturgesetze im rechnenden Raum“.

          Als Erzähler folgte er einem anderen Programm, das sich aus seinen bedeutendsten Büchern rekonstruieren lässt, „Die Glasfalle“ (1962, überarbeitet 1981), „Der Elfenbeinturm“ (1965) und „Zone Null“ (1970): Kunst, Forschung und Technik müssen viel lernen, bevor sie wissen, welche Fragen sie stellen können. Sein langes Leben war diese Arbeit; am Samstag ist Herbert W. Franke fünfundneunzigjährig im oberbayrischen Egling gestorben.

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