https://www.faz.net/-gr0-6k05d

Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ : Es war einmal in Alabama

Kaum ein Buch wird so heiß geliebt und oft gelesen wie „Wer die Nachtigall stört“. Seit fünfzig Jahren schon. Genau so lang hat Harper Lee nichts mehr veröffentlicht. Und ist damit genau so legendär geworden.

          Natürlich, es war Sommer, als dieses Buch erschien, am 11. Juli 1960, wie hätte es anders sein können. Denn das Buch befeuert seine Leser ja schon auf den ersten Seiten mit Sätzen über den Sommer, genau wie die Sonne den staubigen Boden von Alabama, wo die Geschichte spielt. „Bestimmt war es damals heißer als heutzutage, und ein schwarzer Hund hatte an einem Sommertag viel auszustehen“, heißt einer dieser Sätze, und bestimmt glaubt man das heute auch von jenem Sommer, in dem Harper Lees einziges Buch erschienen war, und von dem Sommer, in dem man es zum ersten Mal las. Je länger sie her sind, desto heißer werden sie.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Der Sommer brachte alles, was gut schmeckte, er brachte Tausende von Farben in einer sonnenversengten Landschaft, und vor allem brachte er uns Dill.“ Man steckt immer noch am Anfang des Romans, als dieser Satz fällt, als Dill zum ersten Mal auftaucht bei Jem und seiner Schwester Scout - der Erzählerin, die keine neun Jahre alt, aber trotzdem erwachsen sein wird, wenn ihre Geschichte wieder vorbei ist. „Ich bin Charles Baker Harris“, sagt dieser Dill zur Begrüßung. „Ich kann lesen.“ Und damit sind alle Zutaten für den Sommer zusammen: Hitze. Ferien. Und ein Freund auf Besuch, der so viel Quatsch im Kopf hat, dass keinem langweilig wird, nicht den Kindern, nicht der Verwandtschaft, nicht den Nachbarn.

          Enten füttern mit einer Legende

          „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee wird an diesem Sonntag fünfzig Jahre alt. In diesen fünfzig Jahren, seit es der amerikanische Verlag Lippincott herausbrachte, hat das Buch eine Karriere gemacht wie kaum ein anderes in der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Es bekam den Pulitzer-Preis. Es wurde sofort verfilmt. Und Schullektüre. Es ist Lieblingsbuch, millionenfach verkauft auf der ganzen Welt. Es wird bis heute Jahr für Jahr nachgespielt in Monroeville, der Heimatstadt von Harper Lee in Alabama. An diesem Wochenende wird dort das Jubiläum schwer gefeiert, mit Lesungen, Ausstellungen, Vorführungen des Films, für den Gregory Peck einen Oscar erhielt - aber wohl ohne Harper Lee.

          Mit Produzent Alan Pakula 1962 am Set der Verfilmung von „Wer die Nachtigall stört”

          Ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit und vom Schreiben gehört zu den großen Rätseln der amerikanischen Literatur im 20. Jahrhundert. Wie sieht Thomas Pynchon aus? Was hat Salinger all die Jahre seines Schweigens in Cornish gemacht, außer sich vor Reportern zu verstecken? Der ist inzwischen gestorben, aber wie vorher nach Salinger, so suchen bis heute Journalisten aus aller Welt nach Harper Lee, die inzwischen 84 Jahre alt ist, um mit ihr über das eine Buch zu reden. Und warum nichts mehr danach kam. Immer wieder und immer vergeblich, neulich hätte es eine englische Reporterin fast geschafft, aber am Ende fütterten sie nur Enten zusammen.

          Capote, ihr Freund

          Das sind die Geschichten, die um den Roman herum immer wieder erzählt werden. Das und die unwahrscheinliche Freundschaft Harper Lees zu Truman Capote, ihrem Kindheitsgefährten, den sie, als Dill kostümiert, kleiner Junge mit komischen Haaren, in „Wer die Nachtigall stört“ mitspielen ließ - so wie Capote andersherum kostümierte, welche entscheidende Rolle Harper Lee bei der Recherche seiner Reportage „Kaltblütig“ spielte. Nie bekam er für dieses Buch einen Pulitzer, anders als seine Freundin und „assistant researchist“. Was er ihr wohl nie verzieh.

          Weitere Themen

          Im Himmel über Berlin

          Lewitscharoffs Roman „Von oben“ : Im Himmel über Berlin

          In ihrem neuen Roman „Von oben“ erteilt Sibylle Lewitscharoff einem dampfplaudernden Geist das Wort. Dieser schwebt über Berlin, während er sich über Gott und die Welt auslässt – alles nur, um erlöst zu werden?

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.