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Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

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Die Buchreihe mit den markanten Rückenschildern und ihr Herausgeber, der am Montag neunzig Jahre alt wird, auf dem heimischen Sofa Bild: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe

„Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“ – so kündigten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger Franz Greno 1985 die „Andere Bibliothek“ an. Eine Würdigung des Feuilletons zum 90. Geburtstag ihres einstmaligen Herausgebers.

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          Enzensberger gab bis Ende 2005 insgesamt 252 Bände heraus. Doch auch nach seinem Ausscheiden besteht die Reihe fort: Bis heute kommt monatlich ein neues Buch dazu. Was verraten die frühen Bände über die Leidenschaften ihres damaligen Herausgebers?

          Vormärz

          In seinem am kommenden Montag pünktlich zum neunzigsten Geburtstag erscheinenden neuen Buch „Fallobst“ – kokett untertitelt mit „Nur ein Notizbuch“ – verrät Hans Magnus Enzensberger am Beispiel eines zweihundert Jahre alten Holzschnitts von Katsushika Hokusai, auf dem eine Gruppe blinder Männer einen Elefanten betastet, indirekt seine eigene Methode als Herausgeber: „Die Moral dieser Geschichte ist einfach: Gemessen am Universum sind wir alle blind, und obwohl wir uns bemühen, die Welt zu erkennen, bleibt unser Wissen Stückwerk.“ Die Andere Bibliothek ist seine Bemühung gewesen, wenigstens dieses Stückwerk zu ermöglichen, indem er Bücher für die Reihe auswählte, die meist nicht nur selbst zu Unrecht vergessen waren, sondern vor allem zu Unrecht Vergessenes behandelten. Und ein Phänomen, das Enzensberger besonders wiederbelebungswürdig schien, war der Vormärz, also die intellektuelle Vorgeschichte der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 in Europa.

          Man muss nur sehen, in welcher Dichte zu Beginn der Reihe Texte aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erschienen, die in ihrer Entstehungszeit immens politisch waren: Band 12 galt 1985, am Ende des ersten Erscheinungsjahres der Anderen Bibliothek, Astolphe de Custines „Russischen Schatten“, einem Reisebericht, der über die Kritik an der Rückständigkeit der autokratischen Zarenherrschaft eine generelle Demontage des monarchistischen Systems betrieb, die 1848 in der französischen Heimat des Autors wirkmächtig wurde, als der sogenannte Bürgerkönig Louis-Philippe gestürzt und die kurzlebige Zweite Republik ausgerufen wurde. Schon Band 14 brachte mit Karl August Varnhagen von Enses „Journal einer Revolution“ aus den Jahren 1848/49 ein deutsches Äquivalent der Revolutionssympathie, und Alexander von Humboldts „Ansichten der Natur“ (Band 17) waren zwar schon 1807 publiziert worden, galten aber in den Folgejahrzehnten als biologisch verkappte Programmschrift der politischen Aufklärung.

          Mit „Ein deutsches Zerwürfnis“, in dem Schriften der Antagonisten Heinrich Heine und Ludwig Börne versammelt wurden (Band 20), gelangte die Andere Bibliothek dann ins Herz des Vormärz, und es folgten mit Arthur Lehnings „Unterhaltungen mit Bakunin“ (Band 30), sowie Alexander Herzens „Briefen aus dem Westen“ (Band 53) russische revolutionäre Perspektiven, ehe sieben Jahre später die eindrucksvollste soziologische Bestandsaufnahme des mittleren neunzehnten Jahrhunderts ihren Platz in Band 137 fand: die mit „Die Armen von London“ betitelte Artikelauswahl des englischen Journalisten Henry Mayhew. Enzensberger bekundete mit dieser in jeder Hinsicht revolutionären Suite seine zeitlebens ungebrochene Faszination für den Tumult.

          Andreas Platthaus

          Aufklärung

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