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Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

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Der Roman einer Schwellenzeit, denn am Übergang zum zwanzigsten Jahrhundert war für den lange Zeit marktbestimmenden Roman in drei Bänden das Ende gekommen. Gissing erzählt von der Industrialisierung der literarischen Produktion und deren ökonomischen Bedingungen. Seine Protagonisten Edwin Reardon und Jasper Milvain sind talentiert, aber unverkäuflich, beziehungsweise rein auf das finanzielle Vorankommen fixiert. Milvain gehört die Zukunft, daran lässt Gissing keinen Zweifel. Die künstlerisch integerste Figur, Harold Biffen, arbeitet an einem „absolut realistischem“ Roman, der den Naturalismus eines Zola weit hinter sich lässt und, wie Enzensberger seinerzeit im Magazin schrieb, „die Möglichkeiten des viktorianischen Romans sprengte“. Gissing als Türöffner für Joyce – es sollte noch einunddreißig Jahre bis zum „Ulysses“ dauern.

In der Anderen Bibliothek war stets Platz für Vertreter realistischen Erzählens (neben Zola und Flaubert stehen Namen wie Thackeray, Nancy Mitford, Petra Morsbach). Gissing selbst erhielt für „New Grub Street“ 250 Pfund, eine für damalige Zeiten respektable Summe. Sein deutscher Wiederentdecker war in dieser Disziplin weitaus geschickter als Gissing jemals in seinem nur sechsundvierzig Jahre währenden Leben.

Hannes Hintermeier

Diderot

Er ist das Vorbild. Ein überaus fleißiger Unternehmer in Drucksachen und Ideen. Ein Enzyklopädist, für den die Wissenschaft höchst unterhaltsam war. Auch ein Moskaureisender. Ein Possenreißer, Ungläubiger, Antifanatiker, Geistesblitz. Hans Magnus Enzensberger hat Denis Diderot ins Deutsche gebracht, ein Theaterstück über ihn geschrieben („Der Menschenfreund“) und eines in seiner Manier („Voltaires Neffe“), er hat eine Reihe von Essays über den französischen Intellektuellen publiziert, er hat ihn in der Anderen Bibliothek gedruckt: die Briefe an seine Freundin Sophie, „Jakob und sein Herr“, „Die Welt der Encyclopédie“.

Und er weiß alles über ihn. Wirklich alles, man lese nur das Nachwort zur „Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion“, das Enzensberger zuletzt für die Friedenauer Presse erstmals aus dem Französischen übersetzt hat. Die „Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern“, die Enzensberger ebenfalls übersetzt hat, eine „Warnung an alle, die mehr Geschmack als Geld haben“, versteht man nur, wenn man weiß, dass Diderot mitunter nicht aus dem Haus gehen konnte, weil sein einziges Hemd in der Wäscherei war.

Dieses Schicksal blieb Enzensberger erspart und auch das, soweit wir wissen, eines Aufenthalts im Gefängnis. Aber sonst gibt es sehr viele Ähnlichkeiten: die homogene Neugier (ein Begriff Gaston Bachelards), die Popularisierung der neuesten Aufklärungserkenntnisse, das Interesse an Naturwissenschaft und Mathematik, der Materialismus. Und der Witz: „Ich möchte vielleicht lieber Rousseau sein als Helvétius“, sagte Diderot zu Helvétius, „aber Ihre Schriften sind mir lieber als die seinen. Ach, wenn ich nur seine Beredsamkeit und Ihren Scharfsinn hätte! Ich wäre besser als Sie beide. Am Ende bin ich vielleicht gar kein Philosoph. Ich höre mich reden und merke, daß ich nichts weiter bin als ein Geschichtenerzähler.“ Hätte so auch Enzensberger sagen können, gerade weil es gar nicht stimmt.

Jürgen Kaube

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