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Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

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Weltläufigkeit gehört zu den Vorzügen des anderen Bibliothekars. Reisen wiederum gehören zur Einübung von Weltneugier. Oder wenn auch nicht immer die Reisen, dann doch jedenfalls Reisebeschreibungen. Weshalb auch nicht verwundert, gleich im ersten Programm der Anderen Bibliothek Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ zu finden. Das konnte man schon programmatisch nehmen: Rückblick auf einen Autor, der den engen deutschen Verhältnissen entkam. So wie es auch, unter ganz anderen Voraussetzungen, Alexander von Humboldt gelang, dessen „Ansichten der Natur“ nur wenig später erschienen, lange bevor die Humboldt-Industrie so richtig in Fahrt kam. Ihm hatte Enzensberger schon über zehn Jahre zuvor eine seiner „Siebenunddreißig Balladen zur Geschichte des Fortschritts“ gewidmet, die nicht nur von den großen Ausfahrten handelte, sondern auch vom „Zurück in die deutsche Misere“; und der mit ihm verknüpfte Fortschritt war selbstredend zweischneidig, Humboldt „ein uneigennütziger Bote der Plünderung, der nicht wusste, daß er die Zerstörung dessen zu melden gekommen war“, was er so hingebungsvoll beschrieb.

Die Spur der historischen Reisebeschreibungen lässt sich natürlich leicht weiterverfolgen. Aber den anderen Bibliothekar zeichnet auch aus, dass widerspenstige Vertreter der Reiseliteratur seine Aufmerksamkeit fanden. Die von ihm zusammengestellte Sammlung „Nie wieder!“ etwa versammelte „Die schlimmsten Reisen der Welt“ zum Abschreckungsbrevier touristischer Versuchungen. Und mit Henri Michaux‘ Reisebüchern kam ein Autor zum Zug, der es fertigbrachte, auf Reisen schreibend die Erwartungen ans Reisen zu unterlaufen; was vor allem auch hieß: jeden naheliegenden Exotismus. Es ließ gleich daran denken, dass ein berühmtes anderes Buch, das mit der Feststellung des Autors anhebt, er würde Reisen und Forschungsreisende hassen, sich eigentlich in der Anderen Bibliothek gut gemacht hätte.

Aber wenn auch die „Traurigen Tropen“ außer Reichweite und wohl auch zu berühmt waren, um den anderen Bibliothekar zu reizen, kam doch „Die eifersüchtige Töpferin“ von Claude Lévi-Strauss ins Programm: Da sind die Reisen nur noch implizit enthalten, als Vorgeschichte der eingesammelten Erzählungen, mit denen der Autor jongliert, sie sind im Buch verschwunden. Auch das könnte den anderen Bibliothekar gereizt haben. Oder Anita Albus hat ihn einfach überredet.

Helmut Mayer

Realismus

Wie viele Schriftsteller können schon vom Schreiben leben? Die Allerwenigsten. Das ist heute so, und das war auch im neunzehnten Jahrhundert nicht anders. Aber übers Geld wird nicht gern gesprochen und schon gar nicht geschrieben. Eine Ausnahme ist der Roman „New Grub Street“ des englischen Schriftstellers George Gissing, 1891 erschienen, und als dreizehnter Band der Anderen Bibliothek unter dem Titel „Zeilengeld“ 1986 erstmals deutschen Lesern vorgelegt. Ein Roman, der in den achtziger Jahren wie aus der Zeit gefallen schien – ein hierzulande unbekannter Spätviktorianer der zweiten Reihe, von Dickens geprägt, von Zola beeinflusst, der über die „hackwriters“, die schlecht bezahlten Lohnschreiber der Londoner Grub Street, schrieb, die Tageszeitungen, Zeitschriften und Magazine bedienten.

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