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Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

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Diese Kunst kennt Verfahren, Kniffe und Strategien, die sich vorführen lassen. Erklärt werden Assonanz, Akrostichon und Alliteration, Spaltreim, Schüttelvers, Klecksographie und 158 Dinge mehr. Auch das Palindrom, die Antonomasie, die Aposiopese. Wie konnten wir so lange ohne sie leben? Von Kurt Mautz überliefert Thalmayr alias Enzensberger die Wörter, die sich aus den Buchstaben von „germanisten“ basteln lassen: nistgermane, magerstein, stangenreim, geistermann, sternmagien und zwölf weitere. Er selbst aber, (Hans) Magnus Enzensberger, versteckt den eigenen Namen in dem Anagramm Serenus M. Brezengang und schreibt hinter der Maske des Heiteren ein Nonsens-Gedicht mit dem Titel „Die deutsche Bluse“.

Paul Ingendaay

Gegenwart

Es kann kein Zufall sein, dass Martin Mosebach, dessen literarischer Kosmos sich bis dahin vor allem aus Nähe entfaltet, aus dem Frankfurter „Westend“, jenem Viertel, dem er selbst entstammt, oder der Taunusgemeinde „Ruppertshain“, sich nun, im Jahre 2001, überraschend in arktische Gefilde begibt. „Der Nebelfürst“ heißt der virtuos absurde Roman des Schriftstellers, der in der Anderen Bibliothek erscheint und der vom aberwitzigen Unterfangen eines gewissen Theodor Lerner erzählt, der sich zu der herrenlosen Bären-Insel bei Spitzbergen aufmacht, um sie in Besitz zu nehmen. Was Hans Magnus Enzensberger der Gegenwart für die Literatur abgewinnt, ist eben dieser Weg in die Ferne. Er wird zum Ermöglicher gedanklich-räumlicher Grenzüberschreitung und setzt die Autoren unter seiner Verlegerschaft auf Gleise ins Offene.

Auch Christoph Ransmayrs Roman „Die letzte Welt“, der 1988 in der Anderen Bibliothek erscheint, gehört in diese literarische Vermessung der Welt. Darin begibt sich ein Römer namens Cotta auf die Spuren seines verbannten Freundes Ovid ans Schwarze Meer, denn das Gerücht geht um, Ovid sei tot. Finden wird er ihn nicht, nur seine verlassene Hütte, und je verwickelter die Suche sich gestaltet, desto mehr gehen Traum und Albtraum hier ineinander über. Der in England beheimatete W. G. Sebald, der 2001 starb und heute zu den meistbeachteten Autoren deutschsprachiger Literatur zählt, wurde Anfang der neunziger Jahre durch Enzensberger hierzulande überhaupt erst bekannt. „Die Ausgewanderten“ heißt seine Sammlung von vier Erzählungen, die, 1992 zuerst erschienen, vier Lebensgeschichten aus dem zwanzigsten Jahrhundert vergegenwärtigt, deren Protagonisten auf je unterschiedliche Art von der Gewalt der Geschichte aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Auch das fulminante Debüt der amerikanisch-österreichischen Autorin Irene Dische, „Fromme Lügen“, erschien 1989 unter Enzensberger, das in sieben Erzählungen Außenseiter, Flüchtlinge, Gestrandete und Auswanderer in den Blick nimmt.

Doch das Exil, der Aufbruch in die Fremde sind in Enzensbergers Edition immer an die Heimat geknüpft, und sei es, dass – wie im Fall des Nebelfürsten – eine Handvoll Briefe diesen Schreibimpuls auslösen, die Mosebach in einem Abbruchhaus in seiner engsten Nachbarschaft gefunden hat.

Sandra Kegel

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