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Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

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Denn Märchensammlungen nehmen von Anfang an großen Raum in der Anderen Bibliothek ein: Das beginnt mit den „Norwegischen Märchen“ von Peter Christian Asbjørnsen und Jørgen Moe als fünftem Band, setzt sich nicht einmal ein Jahr später fort mit Joseph von Hammer-Purgstalls „Märchen aus Hundert und einer Nacht“ (Band 15), gefolgt von Johann Georg von Hahns „Griechischen Märchen“ (Band 27), Johann Wilhelm Wolfs „Verschollenen Märchen“ (Band 37), Laura Gonzenbachs „Sizilianischen Märchen“, gesammelt im späten neunzehnten Jahrhundert (Band 50), und Ernst Moritz Arndts „Märchen aus dem Norden“ (Band 61), also sechs Titel in knapp fünf Jahren.

Begleitet werden die meisten dieser Texte von Fotos, die kulturelle Unterschiede zwischen diesen Märchen und uns grell betonen – behaglich ist da nichts, soll es auch nicht sein, wir sehen hart arbeitende Menschen in entsprechender Umgebung, die Herkunft dieser Märchen ist nicht die reinliche Stube, wie von Ludwig Richter gezeichnet, sondern der karge Alltag, und so wie das Märchen als zeitlos gültige Literatur präsentiert wird, so erscheint es zugleich auch als Denkmal seiner Entstehungszeit an einem bestimmten Ort.

Vor allem aber stehen sie quer zu einem Kanon, an den sie erinnern, den sie zugleich als Alternative ergänzen – Hammer-Purgstalls Sammlung orientalischer Märchen etwa sind schon im Titel ausdrücklich als Seitenstück zu „Tausendundeine Nacht“ markiert, und die von Wolf gesammelten Märchen erhalten hier den Zusatz „verschollen“, weil sie durch den Erfolg der Grimmschen Sammlung aus dem Bewusstsein geschwunden seien, was auch für Arndts Märchen gilt.

Der Titel der Buchreihe jedenfalls erfüllt sich hier aufs Schönste, und die Alternativen zu jeweils kanonischen Büchern, die Enzensberger auf dem Feld der Märchen ins Rennen schickt, sind es allemal wert, dass man sie liest. Der Impuls jedenfalls wirkt auch heute, Jahrzehnte nach Enzensbergers Ausscheiden, nach: Märchen dienen, zumal als Gegenstand der Foliobände, als Rückgrat der Anderen Bibliothek.

Tilman Spreckelsen

Handreichung

Er ist vermutlich das einzige neunzigjährige Kind der deutschen Literatur, und weil er als Lyriker angefangen hat, schenkte er sich und uns 1985 mit dem neunten Band der „Anderen Bibliothek“ ein witziges, lehrreiches, vor allem aber unendlich verspieltes Lehrbuch über das Verfertigen von Gedichten. Es trägt den Titel „Das Wasserzeichen der Poesie“, und es verspricht nicht weniger, als uns den Zauber und die Verführung des allerersten Lesens zurückzugeben.

„Andreas Thalmayr“ nannte sich der Herausgeber in diesem Werk, das fremde und eigene Verse versammelt, Reime durchschüttelt und die Sprache durchleuchtet wie mit dem Röntgenstrahl. „Die einzig richtige Art, ein Gedicht zu lesen, gibt es nicht“, sagt er in der Vorrede, und er meint es als Programm, denn alles ist erlaubt. „Oh“, sagt er kurz darauf, „es wäre schon einiges gewonnen, wenn wir wieder lesen könnten, ohne zu gähnen. Der Rest ist Kunst.“

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