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Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

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Der allererste Band der Anderen Bibliothek ist ein Aufklärungswerk, auch wenn die „Lügengeschichten und Dialoge“ des Lukian von Samosata, die er enthält, im zweiten Jahrhundert nach Christus entstanden. Aber die Übersetzung von Christoph Martin Wieland stammt von 1789, dem Jahr, in dem die Bastille gestürmt wurde, und entsprechend ist ihr Ton: aufmüpfig, spöttisch, nüchtern und beseelt. Müssen wir wirklich an die alten Götter- und Wundergeschichten glauben? Nein: „Wir haben an der Wahrheit und gesunden Vernunft ein kräftiges Gegengift.“ So geht es weiter, etwa mit den „Totengesprächen“ des Frühaufklärers Bernard de Fontenelle, in denen Sokrates und Montaigne (und viele andere) im Geisterreich unsere Urteile über die Antike und die beginnende Moderne zurechtrücken. Oder in den Charakterskizzen, die Nicolas Chamfort am Vorabend der Französischen Revolution von seinen Zeitgenossen gezeichnet hat: „Ein Wald voller Diebe“. Oder auch in den „Amouren des Marschalls von Richelieu“, die, kommentiert von Chamfort und Choderlos de Laclos, das Bild des Ancien Régime abrunden: einer Gesellschaft der Freigeister und Libertins, die plaudernd über dem Abgrund tanzt. Für den Bibliothekar, scheint es, ist diese Zeit ein Sehnsuchtsort, nicht zuletzt, weil sie die Kunst der schriftlichen Mitteilung auf eine nie wieder erreichte Höhe gebracht hat: Der Briefwechsel zwischen dem Abbé Galiani und der Salonnière Louise d’Épinay und die Briefe Diderots an Sophie Volland sind der schönste Beweis.

Drei Bände fallen aus dem auf Ironie und Lebenslust gestimmten Ensemble der Aufklärungsliteratur heraus: Edward Gibbons „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“, einer der frühesten Bände der Reihe, dem 2003 der „Sieg des Islam“ folgt, und die von Ulrich Horstmann herausgegebene „Anatomie der Schwermut“ von Robert Burton. In ihnen spiegelt sich die andere Wesensseite des Bibliothekars, die in seinem Hauptwerk „Der Untergang der Titanic“ und in vielen seiner Gedichte zur Sprache kommt: die Melancholie im Angesicht der historischen Wirklichkeit, das Kopfschütteln über den Menschen und das, was er anrichtet. Bei Gibbon ist dieses Gefühl zum heiligen Zorn auf das Christentum und seinen Lynchmord an der Kultur der Antike verdichtet, bei dem anglikanischen Kleriker Burton zur bohrenden Todessehnsucht ausgereift. Beides ist dem Erfinder der Anderen Bibliothek nicht fremd, aber doch in eine beruhigende Ferne gerückt, aus der er es als Leser in den Büchern seiner großen Vorgänger betrachten kann.

Andreas Kilb

Märchen

Dass der Band mit unbekannten Texten Hans Christian Andersens, erschienen 1996 als 141. Band, den Titel „Schräge Märchen“ trägt, ist kein Zufall, und das Buch trägt auch sonst den Stempel der Anderen Bibliothek: Im Werk eines kanonischen Autors (Andersen) setzt es einen neuen Akzent (unbekannte Texte), der Herausgeber und Übersetzer Heinrich Detering steht für Verlässlichkeit und Spielwitz zugleich, alles passt also, und dann ist da noch die Gattung, der, so scheint es, die Liebe des Herausgebers gilt.

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„Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

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