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Hans Magnus Enzensberger in New York : Dichtung ist die höchste Form des Showbusiness

  • -Aktualisiert am

Bild: Rolex/Bart Michiels

Ein Mentor, dessen Glanz alle Schützlinge überstrahlt: Hans Magnus Enzensberger beweist bei einem ungewöhnlichen Auftritt in New York, dass Poesie reine Musik sein kann.

          Nicht als Guru will er sich fühlen, nicht als Prophet, nicht als Heilsbringer, der angebetet wird von einer Jüngerschar. Aber Mentor, ja, das ist er gern. Ein Jahr lang hat Hans Magnus Enzensberger der amerikanischen Lyrikerin Tracy K. Smith zur Seite gestanden, hat sie aus der Ferne ermutigt und sich immer wieder mit ihr getroffen, um übers Schreiben und Dichten und Denken, über Kunst und die Welt zu reden. Jetzt sitzen die beiden in der New York Public Library, in einem der kostbar vertäfelten und mit Gobelins behängten Kabinette des Marmorpalasts, und feiern ihre Zusammenarbeit. Mit Gedichten.

          Ein Hauch von Salon liegt über der intimen Versammlung. Dabei ist sie ganz von dieser Zeit. Dichter und Dichterin haben sich von einer Firma zusammenführen lassen, die das künstlerische Zwiegespräch sicher nicht selbstlos finanziert, es aber gleichwohl übers vergangene Jahrzehnt zum Blühen gebracht hat. Meister Enzensberger und seine Meisterschülerin Smith sind nicht das einzige Künstlerpaar, das fürs Rolex Arts Weekend nach New York gekommen ist. Als Mentoren haben auch der Filmregisseur Zhang Yimou, der Theaterregisseur Peter Sellars, die Choreographin Trisha Brown, der Musiker Brian Eno und der Bildhauer Anish Kapoor ihre Protegés mitgebracht. In den Jahren zuvor war internationale Kulturprominenz wie David Hockney, Rebecca Horn, Martin Scorsese, Robert Wilson, Jessye Norman und Toni Morrison dabei.

          Hier wie dort erklingen unbekannte Töne

          Mentoring ist derzeit auch in Unternehmen und Hochschulen das Wort der Stunde, produktionssteigernd, kreativitätsstärkend und überhaupt. Hans Magnus Enzensberger aber bezieht sich lieber auf die "altgriechische Einrichtung", die er für sich wiederum unter dem Vorzeichen der Gegenseitigkeit, wenn nicht Äquivalenz umdeutet. Aufeinandertreffen sieht er zwei Welten, die sich nicht einfach spiegeln, sondern verdoppeln. Er nennt es gar Komplizenschaft: "Ich horche sie aus, und sie horcht mich aus." Hier wie dort erklängen so unbekannte Töne. Und nicht zu kurz komme darüber auch der Egoismus, der jedem Künstler eigen sei. Der eine könne schließlich vom anderen lernen, ihn gleichsam auspressen, zu beiderseitigem Gewinn und Vergnügen.

          Zu einer derart definierten Parität scheint Tracy K. Smith, Jahrgang 1972, sich indes noch nicht durchgerungen zu haben. Auch wenn sie neben ihrem deutschen Mentor sitzt, schaut sie doch zu ihm auf. Sie schwärmt von seinem reichen Erfahrungsschatz und ist überzeugt, ihm einen Wendepunkt in ihrem Leben zu verdanken: "Er hat mir geholfen, weniger in politischen Kategorien zu denken und mich stattdessen mehr auf Charaktere einzulassen." Die Neununddreißigjährige hat angefangen, ihre Memoiren zu schreiben.

          Ihr Faible für Science-fiction freut Enzensberger

          Tracy K. Smith, das muss deutlich gesagt werden, ist alles andere als eine Anfängerin. In Harvard und an der Columbia University ausgebildet, lehrt sie, nach einer Zwischenstation in Stanford, Creative Writing in Princeton - ebenso übrigens wie ihr weithin bekannter Schriftstellerkollege Jeffrey Eugenides. Über ihren jüngsten, bereits dritten Lyrikband "Life on Mars" hieß es in der "New York Times", die Kombination von philosophisch ausgerichteten Gedichten und einer langen Elegie auf ihren Vater sei brillant. Enzensberger hat sich über ihr Faible für Science-fiction gefreut, ein Genre, von dem er sonst keine Ahnung habe, wie er gesteht.

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