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Hans Magnus Enzensberger in New York : Dichtung ist die höchste Form des Showbusiness

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Trotz Harvard, Columbia, Stanford und Princeton, versichert er ihr, brauche sie sich nicht als college poet zu fühlen: "Du gehörst nicht nach Princeton." Nicht mit einer solchen Stimme. Und ob jemand eine literarische Stimme habe oder nicht, das höre er sofort. Ihrem New Yorker Publikum aber bietet Smith nur ein paar Töne, nur ein kurzes Gedicht, eine Art Liebesgedicht über einen, vielleicht ihren Psychiater, der schließlich einen Kieselstein von ihrer Zunge hebt. In der sehr romantischen, sehr gefühlig aufrauschenden Vertonung des jungen Komponisten Gregory Spears, der selbst den Klavierpart übernommen hat, gibt es das Gedicht dann ein zweites Mal in Mezzosopranlage zu hören.

Im Glanz des Scheinwerferlichts

Da ist längst der Schatten des mächtigen Mentors über die gesamte Veranstaltung gefallen. Hans Magnus Enzensberger bemüht sich aufrichtig, der ihm anvertrauten Lyrikerin den Vortritt zu lassen, aber es hilft nichts. Er sitzt im hellsten Glanz des Scheinwerferlichts, er zieht es an, offenbar magnetisch, ob er es nun will oder nicht. Das Gedicht, das er vorträgt, ist nicht einmal von ihm. Nur übersetzt hat er es, vor langer Zeit aus dem Spanischen ins Deutsche und jetzt, für seinen New Yorker Auftritt, vom Deutschen ins Englische. "A Feast of Flowers" nennt er das wunderbare "Blumenfest" aus dem Códice Florentino des Bernardino de Sahagún, und was für ein Fest der Vortragskunst kommt dabei heraus! Wie Blumen und Worte verwendet werden, wie sie schmücken, schmeicheln, verführen, erregen, zerstören können, entfaltet sich bei ihm in einem Sprachvirtuosenstück, das aus Rhythmus, Dynamik und Melodie lebt, also reine Musik ist.

Dagegen hat das impressionistisch eingefärbte Klavierlied, das Gregory Spears aus der Enzensbergerschen Blumenarie macht, keine Chance. Der Gast aus Deutschland ist in seinem ureigenen Element, auch im anschließenden Prosateil seiner Darbietung, in dem er das Publikum, das ihm längst verfallen ist, mit manch überraschender Volte unterhält. Mag sein, dass es auch am Broadway liegt, der gleich um die Ecke glitzert. Jedenfalls nimmt Enzensberger die Gelegenheit wahr, althergebrachte Grenzen des Dichters und der Dichtung in Frage zu stellen und die Grenzüberschreitung zum Showbusiness hin nicht von vornherein auszuschließen. Als Fan von Cole Porter gibt er sich zu erkennen, diesem Genie sui generis. Er empfinde da keinerlei Verachtung, im Gegenteil, es sei ein große Gabe. Allerdings, leider: "It's not my talent!"

Der Dichter als Entertainer

Nicht seine Begabung? Das Publikum lacht, aber eigentlich hätte es laut protestieren müssen. Der Dichter, der Intellektuelle als Entertainer, hier ward's Ereignis. Gedankenflüge über exklusive Zonen schriftstellerischer Ästhetik werden mit eingängiger, geradezu ansteckender Verve absolviert. Später, als Enzensberger das Scheinwerferlicht wieder abgeschüttelt hat, beteuert er, dass er nicht gern aufs Podium steige. Aber einmal oben, gibt er dem Publikum, was ihm gebührt. Es soll nicht enttäuscht werden. Schon gar nicht in New York. In der Heimat des Showbiz hat der Dichter sich als dessen poetischer Meister erwiesen.

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