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Hans Keilson : Schön, gefragt zu werden

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Ein Ermutiger in seinem Schreiben: Hans Keilson im Garten seines Hauses in Busum bei Amsterdam Bild: de Vries/Hollandse Hoogte/laif

1933 erschien sein Romandebüt, 1936 floh er nach Holland: Der Psychoanalytiker Hans Keilson hat im Alter von 101 Jahren seine Autobiographie geschrieben. Mit dem Alter kam der Ruhm, seine Bücher werden auf der ganzen Welt gelesen.

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          Hans Keilson lacht. Hans Keilson wundert sich. Ein alter Mann schaut auf sein Leben und staunt. Immer wieder wird er an diesem Nachmittag sagen: „Ist das nicht herrlich?“, und dabei fragend hinüberschauen, von seinem großen Sofa in seinem Haus in Bussum bei Amsterdam, in dem er seit mehr als fünfzig Jahren lebt. Er erzählt vom Tod und vom Leben und immer wieder lachend von diesem späten, großen, unglaublichen Ruhm. „Ja meinen Sie, dass das echter Ruhm ist? Oder ist das Mache?“ Hmm, nicht schwer, darauf zu antworten: Wenn es so etwas gibt wie echten Ruhm, ja, dann erlebt ihn der Sportlehrer, Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller Hans Keilson jetzt, im Alter von 101 Jahren.

          Die „New York Times“ schrieb: „Keilson ist ein Genie“; seine Bücher wurden in Amerika neu aufgelegt, wurden aus dem Stand, mehr als fünfzig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, zu Bestsellern; Übersetzungen erscheinen in der ganzen Welt, „mit Ausnahme von China und Japan“, wie er sagt; Journalisten von überallher kommen, um ihn zu besuchen, ihn auszufragen. „Ich treffe nur nette Leute“, sagt er jetzt, und wie schön es sei, gefragt zu werden.

          Gespür eines nahen Untergangs

          Noch schöner ist es: fragen zu können. Den letzten jüdischen Debütanten im ruhmreichen S.-Fischer-Verlag vor dem Zweiten Weltkrieg, damals noch unter der Führung des alten Samuel Fischer. Wie das war, als er 1932 sein Manuskript abgab bei den Lektoren Oskar Loerke und Peter Suhrkamp. Den autobiographisch gefärbten Bericht über eine Jugend nach dem Kriege, den Untergang des Geschäfts seines Vaters in Bad Freienwalde, die aufkommenden Unruhen, das Gespür eines nahen Untergangs. Für den er irgendeinen pseudoliterarischen Titel vorgeschlagen hatte, worauf Loerke und Suhrkamp sagten, das ginge gar nicht, ob er nicht einen anderen wüsste, „und ich sagte ,Das Leben geht weiter', und da sagten beide: ,Das ist gut, den nehmen wir.'“

          Und so ist das Buch 1933 noch erschienen. „Gerade noch rechtzeitig, um verboten zu werden“, und das Leben ging weiter, und das Buch lebte weiter, wird wieder und wieder neu aufgelegt, und jetzt und heute ist Hans Keilson auch noch der älteste Autor, von dem bei S. Fischer je ein neues Buch erschienen ist. Es heißt „Da steht mein Haus“, liegt in allen Buchhandlungen und ist eine Autobiographie in kurzen Skizzen. Es beginnt mit der Geburt in Bad Freienwalde bei Berlin im Dezember 1909, und schon auf der zweiten Seite steht: „Mein Leben und meine Erinnerungen sind verätzt von den Schwaden der Zerstörung. Auch diese Aufzeichnungen, selbst dort, wo es sich um freundlichere, beglückende Erlebnisse handelt, deren man sich tröstlich erinnert, sind durchtränkt von bitteren Erfahrungen, unersetzlichen Verlusten und Abschieden, freiwilligen und ungewollten, zwei Weltkriegen.“

          Schwaden der Zerstörung

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