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Hans Christian Andersens „O.T.“ : Allein auf hoher See

Einer von Andersens Scherenschnitten, die im Roman als Bebilderung dienen, dort allerdings rot eingefärbt. Bild: Odense City Museums

Warum blieb Hans Christian Andersens Roman „O. T.“, erschienen 1836 im dänischen Original und bald ins Deutsche übertragen, hierzulande so lange unbekannt?

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          Dass sein Freund Otto plötzlich die rauschende Johannisnachtfeier im Wald verlässt, kommt Wilhelm zwar seltsam vor, wundert ihn aber nicht weiter, schließlich ist er an das sprunghafte Verhalten seines Kommilitonen gewöhnt. Dass er den Freund dann aber, der immer davon gesprochen hatte, nicht schwimmen zu können, beim nächtlichen Baden im Meer antrifft und dass der sich partout weigert, vor Wilhelms Augen an Land zu kommen, frappiert nun doch. Stattdessen schwimmt Otto immer weiter hinaus, geht unter und kann gerade noch gerettet werden. Zu Wilhelm aber sagt er nur: „Ich hasse Sie.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Autor eines ebenso schönen wie in Teilen durchaus verstörenden Märchenwerks ist der Däne Hans Christian Andersen (1805 bis 1875) weltweit bekannt. Dagegen haben seine Gedichte, Reiseberichte, Schauspiele und die sechs Romane die Zeit weit weniger überdauert, und auch wenn einige dieser Texte seit fünfzehn Jahren im Zusammenhang der Feiern zu Andersens zweihundertstem Geburtstag neu auf Deutsch herausgekommen sind, hat sich daran nur wenig geändert. Immerhin wurde der Roman „Die beiden Baroninnen“ (1848) als Ergebnis einer intensiven Beschäftigung Andersens mit der Alltagskultur der friesischen Westküste und namentlich auf den Halligen rezipiert, was wiederum auf die Einladung des dänischen Königs an den Dichter zurückgeht, im Spätsommer 1844 einige Tage mit ihm auf Föhr zu verbringen. Der Roman „O. T.“ dagegen, erschienen 1836 im Original und bald ins Deutsche übertragen, ist heute bei uns praktisch unbekannt.

          Hans Christian Andersen: „O. T.“ Aus dem Dänischen von Heinrich Denhardt. Mit einem Vorwort von Heinrich Detering. Secession Verlag, Berlin 2019. 448 S., Abb., geb., 26,– .

          Das liegt wohl auch an der Form dieses Romans, dem eine zwingende Handlung fehlt und der auf den letzten Seiten noch rasch und gewaltsam derart viele lose Fäden verknüpft, als hätte der Autor plötzlich keine Lust mehr gehabt, die Entwicklungs- und Liebesgeschichte von Wilhelm und Otto weiterzuführen, und daher schnell alles zu Ende gebracht: Dem einen stirbt die Geliebte weg, der andere verschmerzt die Hochzeit der lange Angebeteten mit einem Nebenbuhler und orientiert sich stattdessen an deren Schwester, die sogleich mit ihm einverstanden ist, und der düstere Mitwisser eines Geheimnisses, der sich, man weiß gar nicht genau, wie und warum, an Bord eines Schiffes begeben hatte, versinkt mit ihm praktischerweise in den Fluten.

          Vielleicht aber ging es Andersen um die Romanfabel zuallerletzt. Seine rastlosen Helden reisen kreuz und quer durch Dänemark, am Schluss auch durch Deutschland, Frankreich, die Schweiz und Italien, und so finden sich lange und durchaus reizvolle Schilderungen von dänischen Landschaften, Orten und lokalen Bräuchen um 1830 in dem Band – hier wäre man dankbar für einen Kommentar gewesen, der über dem Nachweis der von Andersen meist als Mottos verwendeten Zitate nicht den Stellenkommentar vernachlässigt hätte. Doch der Roman legt – wie es der Andersen-Kenner Heinrich Detering in seinem klugen Vorwort darlegt – seinen Schwerpunkt auf das komplizierte Verhältnis zwischen den Freunden Wilhelm und Otto, das von Begehren und Zärtlichkeit geprägt ist, meist sublimiert in der wechselseitigen Liebe jeweils zur Schwester des Freundes, einmal aber immerhin in Küssen resultierend, die im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung getauscht werden, auf der sich Wilhelm als Dame kostümiert und nun frappierend seiner Schwester Sophie gleicht. Es ist diese Ebene, die dem Roman etwas Bekenntnishaftes gibt und – mit Blick auf Andersens damalige Freundschaft zu den Geschwistern Edvard und Louise Collin – eine autobiographische Lesart gestattet.

          Andersens „O. T.“ ist nun im Rahmen einer „Handlichen Bibliothek der Romantik“ im Secession Verlag erschienen, schön ausgestattet mit einer Reihe von Scherenschnitten, die der Autor angefertigt hat. Was den Roman für diese Reihe qualifiziert, wüsste man gern genauer. Seine Wiederentdeckung aber ist ein Angebot, das man nicht ausschlagen sollte. Auch weil man nach dieser Lektüre Andersens Märchen wie „Die kleine Seejungfrau“ und „Das hässliche junge Entlein“ kaum mit denselben Augen ansieht wie zuvor.

          Hans Christian Andersen: „O. T.“ Aus dem Dänischen von Heinrich Denhardt. Mit einem Vorwort von Heinrich Detering. Secession Verlag, Berlin 2019. 448 S., Abb., geb., 26,– .

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