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Haftbefehl gegen Autorin : Will man Dangarembga loswerden?

Die Autorin Tsitsi Dangarembga (links) und die Journalistin Julie Barnes auf der Antikorruptionsdemo am 31. Juli 2020 in Harare, bei der sie beide verhaftet wurden. Bild: AFP

Statt der Einstellung des Verfahrens ein Haftbefehl gegen die Friedenspreisträgerin: Der Prozess gegen Tsitsi Dangarembga in ihrer Heimat Simbabwe scheint ein klares Ziel zu verfolgen.

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          Öffentlicher Aufruf zu Gewalt, Friedensbruch und Bigotterie: Das sind die Vorwürfe, derentwegen sich Tsitsi Dangarembga, die Friedenspreisträgerin des Jahres 2021, in ihrer Heimat Simbabwe zusammen mit ihrer Mitangeklagten Julie Barnes vor Gericht verantworten muss. Eine Friedenspreisträgerin als Friedensbrecherin? Der von den beiden Angeklagten nicht abgestrittene Tatbestand, der zu diesen Anschuldigungen führte: Im Sommer 2020 hatten sie am Straßenrand in Harare regierungskritische Plakate getragen. Sie hatten nicht allein, wie es im Profil des Friedenspreises heißt, „in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen“, sondern sind dafür auch mit zwei Plakaten auf die Straße gegangen.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Siebenundzwanzigmal hat die Schriftstellerin und Filmemacherin in dieser Sache seitdem schon vor Gericht erscheinen müssen. An diesem Montag hätte, wieder einmal, der letzte Termin sein können: Diesen Tag hatte die Vorsitzende Richterin festgelegt, um die Entscheidung zu verkünden, ob das Verfahren auf Antrag der Verteidigung eingestellt wird. Das wäre ein eher unauffälliges Ende des Prozesses gewesen, in dessen Verlauf selbst einer der drei Polizisten, die Dangarembga und Barnes vor zwei Jahren verhaftet hatten, als Zeuge aussagte, die beiden Angeklagten haben lediglich ihre in der Verfassung Simbabwes verbrieften Grundrechte wahrgenommen.

          Doch das Verfahren scheint auf Einschüchterung angelegt: nicht allein der beiden Angeklagten, sondern aller Oppositionellen in Simbabwe, die hier einmal mehr vorgeführt bekommen, dass in ihrem Land weder offensichtliche Friedfertigkeit noch internationales Renommee vor einer solchen Behandlung schützen.

          Sie befindet sich in medizinischer Behandlung

          Als Tsitsi Dangarembga, die sich derzeit in Deutschland in medizinischer Behandlung befindet, nicht vor Gericht erschien, vertagte die Richterin nicht nur die Verkündung auf den 4. August, sondern erließ zudem einen Haftbefehl gegen die Abwesende.

          Auch wenn der, wie die Richterin in Aussicht stellte, aufgehoben werden könne, sobald die Schriftstellerin nach ihrer Rückkehr nach Simbabwe ein medizinisches Attest vorlege: In ihrer Heimat droht Tsitsi Dangarembga, die Mitte kommenden Monats wieder nach Harare zu fliegen plant, das Gefängnis. Es braucht keine große Phantasie für den Eindruck, das Gericht könnte auch zum Ziel haben, die unliebsame Bürgerin ins Exil zu drängen. Sie in ihrer Heimat anschließend als Verräterin hinzustellen, wäre dann ein Leichtes. Tsitsi Dangarembga hatte sich im Alter von zwölf Jahren erstmals mit der deutschen Sprache beschäftigt und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Filmregie studiert. Ihr Mann Olaf Koschke, mit dem sie in Harare lebt, ist Deutscher.

          Am Sonntagabend hatte Tsitsi Dangarembga beim Festival Lit:Potsdam über ihr Land gesprochen. Viele Menschen in Simbabwe würden ihr Volk friedvoll nennen, sagte sie. Nach den Gewalterfahrungen ihres Landes für die Schriftstellerin schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Am Montag erinnerten Oppositionelle in Simbabwe unter dem Hashtag #Remembering27June an die Ereignisse Mitte 2008: Wenige Tage vorher hatte Morgan Tsvangirai, der bei den Präsidentenwahlen gegen den Diktator Robert Mugabe angetreten war und im ersten Wahlgang die meisten Stimmen bekommen hatte, unter massivem Druck seine Kandidatur zurückgezogen. Trotzdem haben ihn Hunderttausende gewählt. Mugabe setzte Soldaten gegen die Demonstranten ein. Der heute amtierende Präsident Emmerson Mnangagwa war damals für die Durchführung der Wahl verantwortlich. Ende 2017 folgte er Mugabe als Vorsitzender der Regierungspartei, 2018 ins Präsidentenamt. Das ist nicht das Einzige, was er von seinem Vorgänger übernommen hat.

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