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Guillermo Arriaga : Der mexikanische Herr der Finsternis

  • -Aktualisiert am

Guillermo Arriaga Bild: Leonardo Cendamo/Leemage/laif

Guillermo Arriaga, preisgekrönter Drehbuchautor und Jäger, hat einen Roman über das Wilde geschrieben. Gemeint ist natürlich die menschliche Seele. Und ein privater Zwist.

          7 Min.

          Der Mann, der sein Wild selbst erlegt, sitzt im Restaurant eines Nobelhotels von Santa Fe, einer ultramodernen Satellitenstadt vor den Toren von Mexiko-Stadt, und studiert die „New York Times“, Sportteil. Zwei Frauen im Businesskostüm eilen vorüber, es riecht nach Kaffee und Croissants. Der Mann riecht nichts. Jemand hat ihm mit einem Baseballschläger die Nase zerschlagen, als er ein Kind war.

          Der Mann ist Guillermo Arriaga, der mexikanische Herr der Finsternis, Drehbuchautor von „Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“, jener pechrabenschwarzen Filmtrilogie, die er mit Alejandro González Iñárritu schuf, dem anderen mexikanischen Kinogroßmeister, mit dem er heute kein Wort mehr spricht. Arriaga hat eine Vorliebe für gleichnishafte Geschichten mit verschachtelten Zeitebenen; Motive, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen: Schmerz, Geburt, Tod, Kampf, Sexualität, Narben, Rache, Hass, Schuld.

          Arriaga, ein Meter neunzig, Boxernase, Hemingway-Bart, wirkt auf dem Bastsofa im Farmhouse-Stil ein wenig wie der als Großmutter verkleidete Wolf, der im Bett auf Rotkäppchen wartet. Seine Hände liegen vor ihm auf dem Tisch, als wären sie schwer wie Mühlsteine. Riesige behaarte Pranken, Fleischerhände, die Fingernägel sauber gestutzt, am rechten Handgelenk schlenkert ein Stoffbändchen in den Nationalfarben Kolumbiens, er hat dort gerade ein Schreibseminar gegeben. Arriaga legt die Zeitung beiseite und bestellt eine Coke Zero. Zumindest seine Stimme ist so butterweich, als habe er Kreide gefressen.

          Die Sechziger in Mexiko-Stadt: Jimi Hendrix und Gewalt

          In Interviews verrät Arriaga gern, sein Lebensziel seien eine Palme in Cannes, ein Oscar und der Literaturnobelpreis. Die Palme hat er nicht ganz (immerhin aber einen Drehbuchpreis des Festivals), für den Oscar war er nominiert, und wenn man den Kritiken glaubt, ist er mit „Der Wilde“, seinem vierten Roman, auch der höchsten Literaturauszeichnung einen Schritt näher gekommen.

          „Ich war wie besessen von dem Buch“, sagt Arriaga und fixiert einen aus eisblauen Augen. „Fünfeinhalb Jahre habe ich gelebt wie ein Mönch. Vier, fünf Stunden Schlaf, dann saß ich wieder am Schreibtisch. Ich habe vierzehn Kilo zugenommen in der Zeit.“ Herausgekommen ist ein Wälzer von 749 Seiten, eigentlich zwei Romane, die, wie so oft bei Arriaga, miteinander verflochten sind.

          Da ist die Geschichte des Juan Guillermo, der in den sechziger Jahren in Mexiko-Stadt groß wird, einer repressiven Zeit. Juan hasst die Beatles, verehrt Jimi Hendrix und bewundert seinen großen Bruder Carlos, Prototyp des good criminal, der unbemerkt von den Eltern in großem Stil mit Drogen handelt.

          Ein düsteres Porträt der Schattenseiten von Mexiko-Stadt, deren Brutalität oft nur schwer zu ertragen ist.
          Ein düsteres Porträt der Schattenseiten von Mexiko-Stadt, deren Brutalität oft nur schwer zu ertragen ist. : Bild: Picture-Alliance

          Die Nachmittage verbringt er mit Freunden auf den Hausdächern, einer hermetischen Welt zwischen Wäscheleinen, Wassertanks und dem verstohlenen ersten Sex. Es ist der gleiche Stadtteil, in dem auch Arriaga aufwuchs, ein Mittelklasseviertel in der Peripherie, die autobiographischen Parallelen sind allgegenwärtig: Die Brutalität der Straße, die Privatschule, welche die Eltern gerade so bezahlen können, sogar die Namen der Familienmitglieder sind identisch.

          Das Buch nimmt eine jähe Wendung, als eine „Lawine des Todes“ über Juans Familie hinwegrollt: Erst ermorden religiöse Eiferer den Bruder, dann stirbt die Großmutter auf dem Fernsehsessel. Zuletzt kommen beide Eltern bei einem Autounfall ums Leben, Juan vermutet: Selbstmord. Er ist siebzehn und lebt allein in dem „riesigen Haus, in dem jetzt meine unsichtbaren Geschwister wohnten, meine unsichtbaren Eltern, meine unsichtbare Großmutter“. Und sinnt auf Rache. Denn die Mörder seines Bruders sind auf freiem Fuß. Die „guten Jungs“, eine Gruppe katholischer Fanatiker, haben den Drogendealer in einem Wassertank ertränkt.

          Es ist eine düstere Geschichte, stets liegt etwas Abgründiges über den Zeilen. Wenn es ans Sterben geht, zoomt Arriaga ganz nah ran, schildert mit beinahe voyeuristischer Detailverliebtheit letzte Eindrücke und Gedanken. Woher diese Faszination für Tod und Gewalt?

          Gewalt spielte früh eine Rolle

          Arriaga dreht das Besteckmesser langsam im Kreis. „Meine Mutter hat ein Kind verloren, bevor es zur Welt kam, das war immer Teil der Familiengeschichte. Und Gewalt spielte früh in meinem Leben eine Rolle. Ich war ständig in Schlägereien verwickelt.“ Er zeigt auf die Delle in seiner Nase. „Bis heute kann ich kein Parfüm riechen. Aber manche Tiere. Vor allem unangenehme Gerüche. Die guten nicht.“

          Arriaga sieht sich im Lokal um und rümpft die Nase. Es sieht aus, als würde er Witterung aufnehmen. Dass er auf die Jagd geht, ist ein Mythos, den er gerne pflegt. „Kürzlich habe ich an einem Tag ein Wildschwein und einen Pfau erlegt“, sagt er. „Auf freier Wildbahn, mit Pfeil und Bogen.“ Man kann sich Arriaga gut vorstellen auf der Pirsch. Seine Physiognomie hat etwas Archaisches, er hat einen dieser massiven Schädel, wie man sie aus Museen kennt, Abteilung Paläolithikum.

          Um die Jagd dreht sich auch der zweite Erzählstrang von „Der Wilde“. Dort kämpft sich ein Inuit durch die schneebedeckten Wälder des Yukon, dem unwirtlichen Nordosten Kanadas. Er ist einem Wolf auf der Spur, der ihn immer tiefer in die Wildnis führt. Er muss „ihn töten, sobald er kann. Sein Fleisch essen, sein Fell überziehen, ein Messer aus seinen Knochen schnitzen.“ Der Inuit ist besessen von dem Wolf, er gibt ihm den Namen „Nujuaqtutuq“: der Wilde. Als er ihn nach Wochen stellt, beide völlig ausgezehrt, hat er eine Epiphanie: In diesem großen, grauen Wolf, dessen Jagd ihn fast das Leben gekostet hätte, lebt die Seele seines Großvaters fort. Er beschließt, ihn nicht zu töten, sondern zu zähmen.

          Das Wilde ist Teil von uns

          Was klingt wie Kapitän Ahab in der Arktis, ist natürlich eine einzige große Metapher: Das Wilde ist Teil von uns, soll das heißen, wenn wir gegen es ankämpfen, bringt es uns um. „Im Menschen herrscht ein Krieg zwischen dem Animalischen und der Zivilisation“, erklärt Arriaga. „Je größer die Kontrolle, desto mehr Triebe schwelen in der Tiefe. Aber dort, wo die Ordnung aufbricht, blüht das Schlechteste im Menschen auf.“

          Im Buch wird diese zivilisationsbedingte Grausamkeit durch die „guten Jungs“ verkörpert, bibeltreue Spießer, die tagsüber Frauen die Einkaufstaschen tragen und nachts Schwule und Dealer erschlagen. All seine Verachtung legt Arriaga in ihre Figuren, zeichnet die „Gotteskranken“ als komplexbeladene Loser, die in der Gruppe zu Mördern werden.

          Die Moral: Hier das beengende Korsett einer autoritären Gesellschaft, dort das Spontane, Anarchische – das Wilde. In unzähligen Unterkapiteln zementiert Arriaga sein Weltbild: Beatles gegen Hendrix, Meletos gegen Sokrates, der disziplinierte, aber feige Schachspieler Aljechin gegen seinen genialen Kontrahenten, den Lebemann Capablanca. Wo der Autor steht, ist klar: „Ich bin auf Seiten Capablancas und werde es immer sein“, lässt er sein Alter Ego Juan sagen.

          Jennifer Lawrence und Diego J. Torres in Guillermo Arriagas Film „The Burning Plain“, 2008
          Jennifer Lawrence und Diego J. Torres in Guillermo Arriagas Film „The Burning Plain“, 2008 : Bild: imagenet

          Arriaga verließ den Romanschauplatz Ende der Siebziger und studierte an einer der besten Universitäten Mexikos. Er war Professor für Kommunikationswissenschaften und erntete für seinen ersten Roman einige Beachtung. 2000 machte ihn der Film „Amores Perros“ über Nacht berühmt. Arriaga hatte das Drehbuch geschrieben, Regie führte Alejandro González Iñárritu, ein Schulfreund. Es war ein düsteres Porträt der Schattenseiten von Mexiko-Stadt, dessen Brutalität stellenweise nur schwer zu ertragen ist. Die Kritik überhäufte „Amores Perros“ mit Preisen, Oscar-Nominierung inklusive. Arriaga und Iñárritu galten fortan als Dreamteam, kongenial, die Hoffnung des mexikanischen Kinos. Gemeinsam drehten sie „21 Gramm“, dann machten sie sich an „Babel“, mit Brad Pitt und einer Reihe weiterer Stars.

          Bei den Dreharbeiten kam es zum Krach. Es war eine hässliche, öffentlich ausgetragene Scheidung, Arriaga hatte in einem Interview gestänkert, es ging um die Frage, ob ein Film letztlich dem Drehbuchautor gehört oder dem Regisseur. Iñárritu antwortete mit einem offenen Brief, nannte Arriaga mediengeil, das halbe Filmteam unterschrieb. Eine Demütigung. Arriaga wurde vom Filmset verbannt, bekam trotzdem eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch.

          Der Zwist mit Schulfreund Iñárritu

          Arriaga führt jetzt selbst Regie, macht Filme wie die Mutter-Tochter-Geschichte „The Burning Plain“, hochkarätig besetzt, gute Kritiken, aber eher keine Kassenerfolge.

          Die macht Iñárritu. 2015 drei Oscars für „Birdman“, im Jahr darauf für „The Revenant“ gleich noch einen, beste Regie. Manche sagen, Iñárritus Filme hätten seit Arriagas Abgang an Tiefe verloren. Zu bemüht, zu verkopft, überemotional. Arriaga hat keinen Oscar gewonnen, sitzt aber in der Oscar-Jury, er ist das einzige spanischsprachige Mitglied.

          Was war das für eine Geschichte damals? „Es waren verschiedene Faktoren“, sagt Arriaga, er versucht, beiläufig zu klingen. „Ideologische, politische, religiöse. Letztlich lief es darauf hinaus: Ich bin instinktiv, intuitiv, anarchisch. Alejandro ist methodischer, mathematischer.“ Will heißen: Ein „guter Junge“.

          Die Atmosphäre ist jetzt eher mäßig, Arriaga, bislang umgänglich, blickt einem kalt in die Augen. „Ich hab’ auch nicht das geringste Interesse an dem“, sagt er nach einer Sekunde. „Ich schau seine Filme nicht. Der hat nichts mit mir zu tun.“

          Wird man sich denn nicht eines Tages...

          „Nein.“ Im Hintergrund jault der Schnulzensänger Luis Miguel. Der Kellner kommt, Arriaga bestellt noch eine Coke Zero. Die Stimmung ist erst mal im Eimer.

          Themenwechsel: Wie beurteilt denn er, der viel zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko pendelt, die Sache mit dem neuen Präsidenten im Nachbarland? Kann er mit dem was anfangen? Arriaga entspannt sich. „Schau mal“, sagt er und zeigt über seine Schulter. Hinter einer Glasfront wälzt sich eine Autokolonne an Bürotürmen vorbei. „Wir sitzen in einem amerikanischen Hotel, gegenüber liegt der Starbucks, da vorne ist ein Walmart, dahinter ein Costco.“ Arriaga lacht leise. „Und Trump will uns weismachen, wir würden die Vereinigten Staaten übervorteilen?“

          Arriaga hat mal einen Film gemacht über das schwierige Verhältnis der Mexikaner zu ihren Nachbarn im Norden, es war das Regiedebüt von Tommy Lee Jones. Der Film hieß „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“, er handelt von einem amerikanischen Grenzpolizisten, der gezwungen wird, nach Mexiko zu reiten, mit der Leiche eines von ihm getöteten Migranten auf dem Sattel. Es ist eine Geschichte voller Gleichnisse, mit der verrottenden Leiche durchlebt der Polizist ein Martyrium, wird geschlagen, verbrüht, von einer Schlange gebissen.

          Es passiert alles in seinem Kopf

          Arriaga liebt derart symbolbeladene Storys. Wird es denn nun eine Verfilmung von „Der Wilde“ geben? Arriaga kratzt sich die Glatze. „Sehr schwierig. Es passiert ja alles in Juans Kopf.“ Nach einer Pause: „Jemand wie Herzog könnte es machen.“ Arriaga arbeitet viel mit Deutschen, der Komponist Christian Jost hat für ihn eine Oper geschrieben, mit Fatih Akin hat er bei dessen Film „Auf der anderen Seite“ zusammengearbeitet. „Ich hab’ ihm einen Preis gegeben, und er mir einen“, kichert Arriaga – Akin saß in der Jury, als er in Cannes den Drehbuchpreis für „Melquiades Estrada“ erhielt, der Mexikaner revanchierte sich beim Filmfestival von Mexiko-Stadt mit einem Preis für „Gegen die Wand“.

          Nun sitzt er wieder an einem Buch, 900 Seiten hat er schon. Er will noch nicht verraten, worum es geht. Nur, dass es wieder zwei miteinander verflochtene Geschichten sind.

          Der missing link in „Der Wilde“ ist ein Nachfahre des gefangenen Wolfs. Der gelangt nach Mexiko und fristet dort ein Dasein als Kettenhund, bevor Juan ihn bei sich aufnimmt. Es entfaltet sich ein erbitterter Zweikampf um die Übermacht im Haus, die Wohnung liegt in Trümmern, Freunde betreten das Haus nur noch über das Dach. Und genau wie der Inuit, so kommt auch Juan nicht umhin, sich mit dem Wilden zu identifizieren, statt es zu bekämpfen. Ein wenig abenteuerlich konstruiert, durchaus, trotzdem frisst man sich durch diesen Wälzer wie durch ein Lebkuchenhaus.

          Es ist spät geworden, Arriagas Frau wartet, und er muss noch durch den Stau zurück in die Hauptstadt. Er setzt eine Brille mit getönten Gläsern auf, nimmt die „New York Times“ und durchquert das Restaurant. Sein Gang ist lässig, sanft federnd, er pirscht über den Teppich.

          Wie ein Wolf in der Savanne.

          Guillermo Arriaga: „Der Wilde“. Roman. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Verlag Klett-Cotta, 750 Seiten, 26 Euro

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