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Guillermo Arriaga : Der mexikanische Herr der Finsternis

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Guillermo Arriaga Bild: Leonardo Cendamo/Leemage/laif

Guillermo Arriaga, preisgekrönter Drehbuchautor und Jäger, hat einen Roman über das Wilde geschrieben. Gemeint ist natürlich die menschliche Seele. Und ein privater Zwist.

          Der Mann, der sein Wild selbst erlegt, sitzt im Restaurant eines Nobelhotels von Santa Fe, einer ultramodernen Satellitenstadt vor den Toren von Mexiko-Stadt, und studiert die „New York Times“, Sportteil. Zwei Frauen im Businesskostüm eilen vorüber, es riecht nach Kaffee und Croissants. Der Mann riecht nichts. Jemand hat ihm mit einem Baseballschläger die Nase zerschlagen, als er ein Kind war.

          Der Mann ist Guillermo Arriaga, der mexikanische Herr der Finsternis, Drehbuchautor von „Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“, jener pechrabenschwarzen Filmtrilogie, die er mit Alejandro González Iñárritu schuf, dem anderen mexikanischen Kinogroßmeister, mit dem er heute kein Wort mehr spricht. Arriaga hat eine Vorliebe für gleichnishafte Geschichten mit verschachtelten Zeitebenen; Motive, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen: Schmerz, Geburt, Tod, Kampf, Sexualität, Narben, Rache, Hass, Schuld.

          Arriaga, ein Meter neunzig, Boxernase, Hemingway-Bart, wirkt auf dem Bastsofa im Farmhouse-Stil ein wenig wie der als Großmutter verkleidete Wolf, der im Bett auf Rotkäppchen wartet. Seine Hände liegen vor ihm auf dem Tisch, als wären sie schwer wie Mühlsteine. Riesige behaarte Pranken, Fleischerhände, die Fingernägel sauber gestutzt, am rechten Handgelenk schlenkert ein Stoffbändchen in den Nationalfarben Kolumbiens, er hat dort gerade ein Schreibseminar gegeben. Arriaga legt die Zeitung beiseite und bestellt eine Coke Zero. Zumindest seine Stimme ist so butterweich, als habe er Kreide gefressen.

          Die Sechziger in Mexiko-Stadt: Jimi Hendrix und Gewalt

          In Interviews verrät Arriaga gern, sein Lebensziel seien eine Palme in Cannes, ein Oscar und der Literaturnobelpreis. Die Palme hat er nicht ganz (immerhin aber einen Drehbuchpreis des Festivals), für den Oscar war er nominiert, und wenn man den Kritiken glaubt, ist er mit „Der Wilde“, seinem vierten Roman, auch der höchsten Literaturauszeichnung einen Schritt näher gekommen.

          „Ich war wie besessen von dem Buch“, sagt Arriaga und fixiert einen aus eisblauen Augen. „Fünfeinhalb Jahre habe ich gelebt wie ein Mönch. Vier, fünf Stunden Schlaf, dann saß ich wieder am Schreibtisch. Ich habe vierzehn Kilo zugenommen in der Zeit.“ Herausgekommen ist ein Wälzer von 749 Seiten, eigentlich zwei Romane, die, wie so oft bei Arriaga, miteinander verflochten sind.

          Da ist die Geschichte des Juan Guillermo, der in den sechziger Jahren in Mexiko-Stadt groß wird, einer repressiven Zeit. Juan hasst die Beatles, verehrt Jimi Hendrix und bewundert seinen großen Bruder Carlos, Prototyp des good criminal, der unbemerkt von den Eltern in großem Stil mit Drogen handelt.

          Ein düsteres Porträt der Schattenseiten von Mexiko-Stadt, deren Brutalität oft nur schwer zu ertragen ist.

          Die Nachmittage verbringt er mit Freunden auf den Hausdächern, einer hermetischen Welt zwischen Wäscheleinen, Wassertanks und dem verstohlenen ersten Sex. Es ist der gleiche Stadtteil, in dem auch Arriaga aufwuchs, ein Mittelklasseviertel in der Peripherie, die autobiographischen Parallelen sind allgegenwärtig: Die Brutalität der Straße, die Privatschule, welche die Eltern gerade so bezahlen können, sogar die Namen der Familienmitglieder sind identisch.

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