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Günter Herburger zum 80. Geburtstag : Schritt für Schrift

Er leistet als Regisseur und Lyriker, Kinderbuchautor und Langstreckenläufer Tüchtiges: Günter Herburger Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Vom Allgäu über Berlin nach München: Günter Herburger lebte hier oder dort und versuchte den Realismus zu bekunden. In München sesshaft geworden, wird der geduldige Sammler achtzig.

          Gefäße kaputtschmeißen, die man noch brauchen wird? Da mache ich nicht mit, muss der ausdauernde Dichter vor vierzig Jahren gedacht haben, nach der Hälfte des bis heute zurückgelegten Weges. Als die Voreiligsten unter den weniger Ausdauernden gerade die ganze Literatur zerschlagen wollten, weil sie ihnen zu bürgerlich war, nahm der Nichtmitmacher lieber Maß an Gefäßen der Kunst und Einbildungskraft, an der Novelle, am Gedicht, an der Epopöe. Und am silbernen Wohnwagen, in dem ein geduldiger Sammler wohnt, an der Birnenfabrik, wo die Glasbehälter des modernen Lichts auf Schraubsockel gedreht werden, an der Bierflasche, in der die Erinnerung an die eigene Familiengeschichte - der Großvater väterlicherseits war Besitzer der kleinen Wirtschaft und „Brauerei zum Schwanen“ - aufbewahrt werden kann: „Nie trank ich Bier aus ihr, sie steht in der Tabernakelecke meines Büros. Manchmal halte ich sie gegen das Licht, lese die Inschrift und mache feierlich den Verschluss auf und wieder zu“, heißt es in der Erzählung „Hauptlehrer Hofer“ aus dem Jahr 1973, auch sprachlich einer Übung im Umfüllen des Geistigen ins Greifbare.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die trickreich täuschend kontemplative Erzählhaltung, die bisweilen an Stifters klarste Momente erinnert, senkt sich tief ins unvergessene Unrecht an einem Außenseiter, vor dem es Stifter gegraust hätte. Beim ausdauernden Günter Herburger erfährt jener „Verrückte“ eine Empathie, die vor der Sentimentalität geschützt ist durch die den Stoff in jedem Satz belebende, unheilbar nervöse Neugier dieses Dichters.

          In zahlreichen Gedichtzyklen gefiltert

          Sie trennt ihn auch vom Archivar, der im oben erwähnten Silbernen Wohnwagen haust, Arno Axmann, der seinen Auftritt im vier Jahre jüngeren Roman „Flug ins Herz“ hat. Diese Gestalt, mit skeptischer Liebe modelliert, kann kein Selbstporträt sein, dazu hat sie zu viel Sitzfleisch - von der berufenen Deuterei ist sie als Arno Schmidt identifiziert worden; ein sehr konservatives Vorbild für Umstürzler. Herburgers Umarmung des erzbürgerlichen Großromanciers hätte Lenin gefallen, dem Proletkult, Zerstörung des Erbes und Kulturrevolutionäres zuwider waren, dessen deutscher Partei, der DKP, Herburger sich anschloss. Im Vorwort zum Kinderbuch über ein mutiges Lämpchen, „Birne kann alles“ (1973), kam der Bolschewist in einer ungewöhnlichen Reihe zu stehen: „Birne besitzt den Mut eines Weltraumfahrers, den Gerechtigkeitssinn Jesu, die Robustheit und Langlebigkeit einer Schildkröte, die Begeisterungsfähigkeit Lenins und die Schönheit von Computerteilen. Wahrhaftig, ich möchte Birne sein!“

          1996 schrieb Herburger zu den zwanzig Jahre älteren drei „Birne“-Bänden eine magische Coda, „Birne kehrt zurück“, in der seine Sprache, in zahlreichen Gedichtzyklen gefiltert, poliert und auskristallisiert, als Hochzeitsgeschenk zur Vermählung von Epik und Lyrik blitzt: „Vielleicht ist alles etwas ganz anderes und täuscht uns, überlegt Birne. Ein Elefant wäre eine wandelnde Burg, Heuschrecken bestünden aus ineinandergesteckten und davonspringenden Drahtstücken, und ein Fenster gliche eher einer Qualle als einer Glasscheibe. Eine Parkbank wäre schließlich ein fremdes Reptil.“

          Er bleibt eben nicht stehen

          „Schließlich“: Der Weg war weit aus den fünfziger Jahren, als man sich, wenn man deutsch las und schrieb, durch den restaurativen Wortbrei von Bergengruen und Wiechert fressen musste, durch die Sechziger, wo man das Maul mit Feuer voll nahm - ab 1967 lebte Herburger, der aus Isny im Allgäu stammt, in Berlin, unter aufrührerischen Leuten - bis in die Siebziger, wo der Dichter nach München zurückkehrte und mit „Flug ins Herz“ die Arbeit an der „Thuja-Trilogie“ begann, zu der auch „Die Augen der Kämpfer“ (1980 bis 1983) und „Thuja“ (1991) gehören.

          Realismus, was immer das sein mag, war ein Ausgangspunkt für viele seiner Generation gewesen. Das vielstimmige, farbenprächtige, vom Pleroma des Menschenwirklichen durchatmete Fabulieren aber, in durchaus unrealistischen Registern, wurde sein Lebenswerk. Wo dieser Mann, der vom Langstreckenlaufen, einer seiner Passionen, so schreibt, dass auch Sporthasser ihre ästhetischen Haltungen darin finden können, sofern sie nur überhaupt welche haben („Lauf und Wahn“, 1988), heute angekommen ist, lässt sich schon deshalb nicht knapp zusammenfassen, weil er eben nicht stehenbleibt (sondern gerade ein ebenso merkwürdiges wie überzeugendes Bändchen namens „Haitata“ veröffentlicht hat, das der Form des „kleinen wilden Romans“ die Freude macht, sie zu erfinden).

          Das Diktum von Peter Hacks, die Zeitschrift „Konkret“ gehöre zu den deutschen Organen, in denen die wichtigsten Leute zu lesen sind, verdankt von seiner Wahrheit nicht wenig den mit größeren zeitlichen Abständen, aber regelmäßig darin erscheinenden Beiträgen Herburgers; auch Fotos des Läufers waren da zu sehen. Den Kilometerstein, auf dem „Achtzigster Geburtstag“ steht, wird der Nichtmitmacher am kommenden Karfreitag hinter sich lassen.

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