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Günter Grass und Israel : Zur Skepsis ermuntert

Er entzündete nicht nur seine Pfeife, sondern auch gesellschaftliche Debatten: Günter Grass Bild: dpa

Die israelischen Stimmen zum Tod von Günter Grass sind polyphon und zeugen von dem ambivalenten Bild des Schriftstellers in der Öffentlichkeit.

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          Der Tod von Günter Grass war am Montagabend sogar Thema bei „London und Kirschenbaum“. Eigentlich geht es in der abendlichen Talkshow des israelischen Nachrichtensenders „Kanal 10“ meistens um Politik. Aber am Montag luden die beiden Talkmaster den israelischen Historiker und Journalisten Tom Segev ein. Er hatte mit dem deutschen Schriftsteller vor vier Jahren ein Interview geführt, über das auch in Deutschland debattiert wurde.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der Tod von Günter Grass, dessen Bücher fast alle ins Hebräische übersetzt wurden, hat in Israel große Aufmerksamkeit gefunden. Denn sein Name ist auch vielen Israelis ein Begriff, die nie etwas von ihm gelesen hatten – außer vor drei Jahren ein kurzes Gedicht. Grass hatte in dem in Gedichtform veröffentlichten Text Israel vorgeworfen, es gefährde mit seinen Atomwaffen den Weltfrieden, weil es mit ihnen die iranischen Atomanlagen angreifen könne. Die israelische Regierung verhängte daraufhin ein Einreiseverbot gegen den Literaturnobelpreisträger: Grass fache den Hass gegen Israel an und verbreite eine Idee, „die er früher unterstützt hat, als er selbst eine SS-Uniform trug“, hieß es damals zur Begründung.

          Die meisten israelischen Nachrufe befassten sich daher ausführlicher mit dem Gedicht und der Mitgliedschaft des Autors in der Waffen-SS als mit seinem restlichen Lebenswerk, das Tom Segev zufolge solche Einschränkungen allerdings weit überragt: „Ich erwarte nicht, dass am Ende vor allem dieser Skandal und die SS-Episode des 17 Jahre alten Jungen in Erinnerung bleiben werden, der nicht an der Verfolgung von Juden beteiligt war, sondern der Literat, der Deutschland geholfen hat, in den ungeheuer dramatischen Nachkriegsjahren voranzukommen“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Das israelkritische Gedicht hält er für den pathetischen Text eines alten Mannes, der von Iran und dem Atomkonflikt einfach keine Ahnung hatte – „das war Unsinn“. Segev ist jedoch zuversichtlich, dass Grass in Israel als Schriftsteller, der in Deutschland eine wichtige politische Rolle spielte, weiter präsent bleiben werde. Schließlich habe er nicht nur die Deutschen dazu ermuntert, skeptisch zu sein und Fragen zu stellen – Fragen, die er als junger Mann selbst nicht stellte, wie Grass Segev im damaligen Interview bedauernd eingestand.

          „Sympathische Rauhheit“

          Der israelische Schriftsteller Nir Baram schätzte an Grass, dass er unverblümt aussprach, was er dachte, und vor keiner Debatte zurückschreckte. Den 1976 geborenen Israeli fasziniert an dem Deutschen besonders die seltene Verbindung von „Phantasie und realistischer politischer Nüchternheit“. Ähnlich wie man es von israelischen Autoren wie Amos Oz und David Grossman kenne, habe sich Grass intensiv an politischen Diskussionen beteiligt. Auch deshalb habe man sich in Israel besonders für ihn interessiert, sagt Baram im Gespräch. Als er seinen Roman „Gute Leute“ geschrieben habe, habe er immer wieder an „Die Blechtrommel“ von Grass gedacht.

          Der in Deutschland geborene Schriftsteller, Journalist und Friedensaktivist Uri Avnery mochte an Grass, der „sehr deutsch“ gewesen sei, seine „sympathische Rauhheit“. Ihn erstaunt, dass der Autor nicht viel früher über seine problematische Vergangenheit sprach, die doch für seine Generation eher normal gewesen sei. Er und seine Freunde teilten Grass’ Israel-Kritik. „Ein Deutscher sollte Israel nicht weniger kritisieren als jeder andere. Vielleicht sogar mehr wegen der unfassbar großen moralischen Verpflichtung der Deutschen gegenüber den Juden“, meinte Avnery gegenüber der Zeitung „Haaretz“.

          Der Verband der hebräischsprachigen Schriftsteller hingegen bleibt bei seinem Vorwurf, Grass habe mit seinem Gedicht einen „modernen Kreuzzug“ gegen Israel begonnen, den er bis zuletzt nicht bedauert habe. Der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld würdigt Grass als Autor mit großen Fähigkeiten. „Aber nicht jeder besonders begabte Schriftsteller ist auch ein moralischer Mensch“, schreibt Appelfeld am Dienstag in „Haaretz“. Statt Bescheidenheit habe er bei ihm Arroganz gefunden.

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