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Israel-kritisches Gedicht : Kaum siebzig Zeilen, weltweite Empörung

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Am Tag nach der Veröffentlichung: Günter Grass am 5. April 2012 mit seinem Gedicht in der „Süddeutschen Zeitung“. Bild: dpa

„Was gesagt werden muss“, die politische Intervention von Günter Grass in Zeilenform, sorgte im April 2012 für weltweite Aufregung: Repliken, Stellungnahmen – und eine entlarvende Interpretation.

          Am 4. April 2012 veröffentlichte Günter Grass zeitgleich in der „Süddeutschen Zeitung“, der italienischen „La Republica“ und der spanischen „El País“ ein Prosagedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“, in dem er Israel vorwirft, mit seinen Drohungen gegen Iran den Weltfrieden zu gefährden. Er warnt vor einem atomaren Angriff Israels, der das „iranische Volk auslöschen könnte“, und kritisiert die Lieferung deutscher U-Boote an Israel. Mit seinen Äußerungen löste der Schriftsteller einen Sturm der Kritik aus.

          „Was gesagt werden muss“: Das Gedicht von Günter Grass im Wortlaut

          In der F.A.Z. wählte Frank Schirrmacher die Form der Gedichtinterpretation, um die Zeilen des Nobelpreisträgers zu entlarven. „Es empfiehlt sich“, schrieb Schirrmacher, „Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen.“ Wer mit dem Schraubenzieher nachschaue, fände „eine ziemlich bestürzende Umkehrung westdeutscher Nachkriegsdiskurse“.

          „Was Grass uns sagen will“: Eine Gedichtinterpretation von Frank Schirrmacher

          Israels Gesandter in Berlin, Nahshon, ordnete Grass’ Gedicht ein in jahrhundertealte antisemitische Hetze gegen Juden. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, nannte das Gedicht „überflüssig und eitel“. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text „ein aggressives Pamphlet der Agitation“. Der Publizist Ralph Giordano nannte das Gedicht einen „Anschlag auf Israels Existenz“.

          „Aggressives Pamphlet der Agitation“: Kritik an Grass’ Israel-Gedicht

          Der amerikanische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel „hätte erwartet, dass Grass angesichts seiner belasteten und problematischen Vergangenheit ein bisschen mehr Umsicht und Bescheidenheit an den Tag legen würde“. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sagte, Grass solle sich lieber zurückhalten: „Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen.“

          Hat der alte Deutsche sein Haupt erhoben? Weitere Reaktionen auf das Gedicht

          In Fernsehinterviews beklagte sich Grass über die Kritik an seinem israelkritischen Text. Im ARD-Fernsehen sprach er von einer Kampagne einer „fast wie gleichgeschalteten Presse“, im Zweiten Deutschen Fernsehen sagte er, er werde „an den Pranger“ gestellt. Er versicherte, er handele aus Freundschaft mit Israel.

          „Ich werde an den Pranger gestellt“: Günter Grass antwortet auf Kritik an seinem Israel-Gedicht

          Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu findet harte Worte für Günter Grass und sein Gedicht. Auch israelische Schriftsteller und Feuilletonisten zeigen sich entsetzt vom israel-kritischen Werk des Nobelpreisträgers.

          „Anständige Leute sollten die Aussagen verurteilen“: Netanjahu zu Grass

          Seine Auslassung verdiene Ignoranz, er denunziere das politische Anliegen von Literatur: Vier Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und Israel – Sibylle Lewitscharoff, Clemens Setz, Jörg Albrecht und Gil Yaron – äußern sich zu Günter Grass und seinem Gedicht.

          Intellektuelle Senkgrube: Schriftsteller zu Grass

          „Aus erzwungenem Anlass“ äußerte sich auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zu dem umstrittenen Gedicht von Günter Grass „Was gesagt werden muss“. Er attackiert den Nobelpreisträger scharf.

          „Es ist ein ekelhaftes Gedicht“: Marcel Reich-Ranicki über Grass

          Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley zeigt sich bestürzt von „Grass’ unglaublicher Moralblindheit“. Moralisch hohl und politisch beschämend nennen auch Kommentatoren in der amerikanischen Presse das Gedicht. Sie zeigen sich entsetzt über das Werk und die Zustimmung, die es erfährt. In arabischen Medien indes wird der Autor zum Opfer einer vermeintlich mächtigen jüdisch-zionistischen Lobby stilisiert.

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