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Erinnerung an Günter Grass : Das Herz eines zürnenden Gottes

  • -Aktualisiert am

Bei den Dreharbeiten zur „Blechtrommel“: Günter Grass, David Bennent und Volker Schlöndorff Bild: dpa

Günter Grass war die Stimme des deutschen Geistes in der Welt: ein Patriot, kein Rechthaber, auch wenn er oft über das Ziel hinausschoss. Erinnerung an einen Freund.

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          Da soll man nun was sagen oder schreiben, wenn der letzte und beste „väterliche Freund“ einen ohne Vorankündigung verlässt. Und man es vor zehn Minuten erfahren hat. Reden kann ich eh nicht, weil ich mich erst mal im Wintergarten eingeschlossen und wie ein Schlosshund geheult habe. Nie hätte ich gedacht, dass es mich so treffen würde.

          Warum tut diese Nachricht so weh? Millionen werden diesen Verlust ebenso empfinden: die „schweigende Mehrheit der Leser“, die ihm über ein halbes Jahrhundert treu gewesen sind. Sein großes Herz, aus seinen Texten sprach es; seine vielen Kinder, Enkel, seine Frauen, seine Freunde kannten es, in Liebe wie im Zorn. Es gab ihm etwas Allmächtiges, sogar in seinen eigenen Augen – was wir ihm liebevoll verziehen, ohne ihn für unfehlbar zu halten.

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          Anders war das mit der Öffentlichkeit. Da hatte er einen anderen Stellenwert. Päpstliche Unfehlbarkeit wurde ihm nicht zugestanden. Allenfalls, dass er „anders“ war. Anders als man sich einen Schriftsteller, einen Deutschen, vorstellte. Und deshalb wiederum stellte er alle anderen in den Schatten. Er war die Stimme, auf die man hörte, im Inland wie im Ausland. Nicht Deutschlands Stimme, sondern die Stimme aus Deutschland, die die Welt aufhorchen ließ bald nach dem Krieg, an dem er, rühmlich oder unrühmlich, jedenfalls teilgenommen hatte. Er wusste, wovon er sprach, wenn er schrieb. Und er ahnte auch das Echo – meistens ...

          Die Schreibmaschine war seine Blechtrommel. Er wusste sie zu nutzen. Zum Nutzen der Leser und unseres Landes. Denn natürlich war er ein Patriot.

          Daran ändert die Tatsache nichts, dass er vielen als Nestbeschmutzer galt. Zuerst mitten im Hochgefühl des Wirtschaftswunders und des „Wir sind wieder wer“, als er ihnen (uns und sich) in der „Blechtrommel“ Schuld zuwies und sie antworteten, sein Buch sei Pornographie.

          Dann, als er, als Schlusspunkt seiner großen Romane, enthüllte, dass er sich als Siebzehnjähriger engagieren wollte für den „Endsieg“, an den er glaubte, und bei der Waffen-SS landete. Alle seine Leser und Freunde waren unter Schock. Nicht wegen der Tatsache selbst, sondern weil er sie so lange verheimlicht hatte. Ich ging so weit, zu glauben, der kleine Oskar in ihm, der Anarchist, der er immer war, wolle das eigene Denkmal abreißen, um nie wieder von einem Sockel, von höherer moralischer Warte zu sprechen.

          Zuletzt, als er vor zwei Jahren mit dem Gedicht über die israelische Atombombe überraschte. Wieder wurde er quasi ausgeschlossen aus der „guten Gesellschaft“ und war sehr gekränkt. Das hatte er nicht erwartet: Antisemit geschimpft zu werden, er, der die deutsche Schuld so drastisch geschildert hatte. Er stellte mit Jacob Grimm fest: „Mein Warnen wird nur noch als Geunke wahrgenommen.“

          Heute, vor dem Hintergrund der Kontroverse um den Atomvertrag zwischen Netanjahu und Obama, liest sich der Text ganz anders. Damals gab es eine im Grunde unkritische Einheitsreaktion. Um sie nicht anzuheizen, überließen wir, seine Freunde, das Parkett Henryk Broder und anderen, die wie immer nie ganz dumm, aber gehässig, eitel, wichtigtuerisch (wie Grass selbst manchmal) reagierten. Nur dass Grass ihnen etwas voraushat: Er hat sich sein Podest selbst erbaut.

          Wie sehr er die deutsche Gesellschaft polarisierte, erlebte ich ein paar Tage später bei einem Abendessen. Der Unternehmer Raphael „Raphi“ Roth hatte, aus völlig anderem Anlass, zu einem „Herrenabend“ eingeladen, Charlottenburg, 22. Etage Penthouse, 3-Sterne-Koch, Pianistin, Weine von 1918 (!!!), Rothschild von 1981, Château Yquem, dazu folgende Riege: Schirrmacher, Joffe, Döpfner, Ringier, Karasek, Raue, meine Wenigkeit und der Gastgeber. Von vier Stunden wurden eine oder zwei über Grass gesprochen, noch eine über Israels Verteidigungsoptionen, der Rest der Zeit über E-Books und E-Zeitungen. Erstaunlich war, zu erfahren, von Döpfner glaube ich, dass die meisten Deutschen Grass zustimmten, nicht aber die veröffentlichte Meinung. Seit Gründung der Bundesrepublik, seit 63 Jahren, gab es ein Tabu: öffentliche Kritik an Israel und seiner Politik. Das war gebrochen mit dem Satz: „Was noch gesagt werden muss.“

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