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Erinnerung an Günter Grass : Das Herz eines zürnenden Gottes

  • -Aktualisiert am

Bei den Dreharbeiten zur „Blechtrommel“: Günter Grass, David Bennent und Volker Schlöndorff Bild: dpa

Günter Grass war die Stimme des deutschen Geistes in der Welt: ein Patriot, kein Rechthaber, auch wenn er oft über das Ziel hinausschoss. Erinnerung an einen Freund.

          7 Min.

          Da soll man nun was sagen oder schreiben, wenn der letzte und beste „väterliche Freund“ einen ohne Vorankündigung verlässt. Und man es vor zehn Minuten erfahren hat. Reden kann ich eh nicht, weil ich mich erst mal im Wintergarten eingeschlossen und wie ein Schlosshund geheult habe. Nie hätte ich gedacht, dass es mich so treffen würde.

          Warum tut diese Nachricht so weh? Millionen werden diesen Verlust ebenso empfinden: die „schweigende Mehrheit der Leser“, die ihm über ein halbes Jahrhundert treu gewesen sind. Sein großes Herz, aus seinen Texten sprach es; seine vielen Kinder, Enkel, seine Frauen, seine Freunde kannten es, in Liebe wie im Zorn. Es gab ihm etwas Allmächtiges, sogar in seinen eigenen Augen – was wir ihm liebevoll verziehen, ohne ihn für unfehlbar zu halten.

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          Anders war das mit der Öffentlichkeit. Da hatte er einen anderen Stellenwert. Päpstliche Unfehlbarkeit wurde ihm nicht zugestanden. Allenfalls, dass er „anders“ war. Anders als man sich einen Schriftsteller, einen Deutschen, vorstellte. Und deshalb wiederum stellte er alle anderen in den Schatten. Er war die Stimme, auf die man hörte, im Inland wie im Ausland. Nicht Deutschlands Stimme, sondern die Stimme aus Deutschland, die die Welt aufhorchen ließ bald nach dem Krieg, an dem er, rühmlich oder unrühmlich, jedenfalls teilgenommen hatte. Er wusste, wovon er sprach, wenn er schrieb. Und er ahnte auch das Echo – meistens ...

          Die Schreibmaschine war seine Blechtrommel. Er wusste sie zu nutzen. Zum Nutzen der Leser und unseres Landes. Denn natürlich war er ein Patriot.

          Daran ändert die Tatsache nichts, dass er vielen als Nestbeschmutzer galt. Zuerst mitten im Hochgefühl des Wirtschaftswunders und des „Wir sind wieder wer“, als er ihnen (uns und sich) in der „Blechtrommel“ Schuld zuwies und sie antworteten, sein Buch sei Pornographie.

          Dann, als er, als Schlusspunkt seiner großen Romane, enthüllte, dass er sich als Siebzehnjähriger engagieren wollte für den „Endsieg“, an den er glaubte, und bei der Waffen-SS landete. Alle seine Leser und Freunde waren unter Schock. Nicht wegen der Tatsache selbst, sondern weil er sie so lange verheimlicht hatte. Ich ging so weit, zu glauben, der kleine Oskar in ihm, der Anarchist, der er immer war, wolle das eigene Denkmal abreißen, um nie wieder von einem Sockel, von höherer moralischer Warte zu sprechen.

          Zuletzt, als er vor zwei Jahren mit dem Gedicht über die israelische Atombombe überraschte. Wieder wurde er quasi ausgeschlossen aus der „guten Gesellschaft“ und war sehr gekränkt. Das hatte er nicht erwartet: Antisemit geschimpft zu werden, er, der die deutsche Schuld so drastisch geschildert hatte. Er stellte mit Jacob Grimm fest: „Mein Warnen wird nur noch als Geunke wahrgenommen.“

          Heute, vor dem Hintergrund der Kontroverse um den Atomvertrag zwischen Netanjahu und Obama, liest sich der Text ganz anders. Damals gab es eine im Grunde unkritische Einheitsreaktion. Um sie nicht anzuheizen, überließen wir, seine Freunde, das Parkett Henryk Broder und anderen, die wie immer nie ganz dumm, aber gehässig, eitel, wichtigtuerisch (wie Grass selbst manchmal) reagierten. Nur dass Grass ihnen etwas voraushat: Er hat sich sein Podest selbst erbaut.

          Wie sehr er die deutsche Gesellschaft polarisierte, erlebte ich ein paar Tage später bei einem Abendessen. Der Unternehmer Raphael „Raphi“ Roth hatte, aus völlig anderem Anlass, zu einem „Herrenabend“ eingeladen, Charlottenburg, 22. Etage Penthouse, 3-Sterne-Koch, Pianistin, Weine von 1918 (!!!), Rothschild von 1981, Château Yquem, dazu folgende Riege: Schirrmacher, Joffe, Döpfner, Ringier, Karasek, Raue, meine Wenigkeit und der Gastgeber. Von vier Stunden wurden eine oder zwei über Grass gesprochen, noch eine über Israels Verteidigungsoptionen, der Rest der Zeit über E-Books und E-Zeitungen. Erstaunlich war, zu erfahren, von Döpfner glaube ich, dass die meisten Deutschen Grass zustimmten, nicht aber die veröffentlichte Meinung. Seit Gründung der Bundesrepublik, seit 63 Jahren, gab es ein Tabu: öffentliche Kritik an Israel und seiner Politik. Das war gebrochen mit dem Satz: „Was noch gesagt werden muss.“

          Döpfner nannte GG „einen Machtmenschen, schon immer, auch in der SPD früher. Seine Strategie: erst Nobelpreis, dann Waffen-SS zugeben, jetzt Angriff gegen Israel/Juden. Alles vorgeplant.“

          Schirrmacher hielt dagegen: „Nein, nicht ganz so! Waffen-SS hat er uns im Interview damals zugegeben, zwar vielleicht, um Enthüllungen zuvorzukommen, die imminent waren, aber immerhin.“ Grass fühle sich aber so gedemütigt durch die Vorwürfe damals (Lügner, SS-Mann), dass er jetzt mit diesem Israel-Atombomben-Gedicht Gelegenheit gesehen habe, den Spieß umzudrehen. Seinerseits die anzugreifen, die ihn angegriffen hatten. Sein Vokabular verrate ihn: „Fußnote der Geschichte“ habe Knoblauch beim Merkel-Besuch gesagt, worauf diese „die Staatsräson“ einbrachte. Das habe Grass gestunken, deshalb die Retourkutsche.

          Volker Schlöndorff erinnert sich an seinen Freund Günter Grass.

          Bei all dem hab’ ich geschwiegen, nur gegengehalten, dass er kein Antisemit sei. In den über 37 Jahren, die ich ihn kannte, habe er sich nie auch nur missverständlich zu Juden geäußert, auch nicht zwischen den Zeilen; er sei nie ein Holocaust-Leugner gewesen, im Gegenteil sei fast sein ganzes Werk eine Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld; als Schriftsteller habe er in der „Blechtrommel“ und „Hundejahre“ wunderbare jüdische Charaktere geschaffen ... Eisiges Schweigen. Ich brach ab und erinnerte an Reisen mit ihm, in Asien, in Arabien und in den Vereinigten Staaten, natürlich, und ich habe mich erinnert, was er oft für ein furchtbarer Ideologe war, zu ungeduldig, um erst mal hinzuschauen oder zuzuhören, oft angereist mit fertiger Meinung im Kopf. Ich dachte an die peinliche Auseinandersetzung beim PEN mit Saul Bellow, der Amerika nun wirklich aus Erfahrung kannte.

          Sooft er über das Ziel hinausgeschossen ist, ein pathologischer Charakter, ein vergreister, altersstarrer Rechthaber war er nicht. Eher ist er milder und zurückhaltender geworden, mit Freund und Feind, auf Aussöhnung bedacht, seit er selbst so viele Verletzungen erfahren hatte. In der letzten Zeit bewunderte ich ihn noch mehr als damals bei seinen großen Kämpfen, nur stand er für mich auf keinem Sockel mehr, er war kein Denkmal mehr, sondern durch und durch Mensch. Nur als solchen will ich ihn erinnern.

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          Je länger ich ihn kannte, je enger unsere Freundschaft wurde, umso ferner rückte der „öffentliche“ Grass. Es gab zwar nur zwölf Jahre Altersunterschied, die immer kürzer schienen, je älter wir wurden. Doch was uns trennte, immer mehr, war der Zweite Weltkrieg. Zwar sind wir beide vor dem 1. September geboren, doch war ich bei Kriegsende ein sechsjähriger Junge, der die Amerikaner als Befreier durch den Taunuswald kommen sah, Günter Grass dagegen war Soldat (der Waffen-SS, was er auch mir nie gesagt hat) und in den „Rheinwiesen“ Kriegsgefangener der Amerikaner, die an uns Schokolade verteilten, während sie ihn hungern ließen. Unsere Weltbilder sind vollkommen verschieden.

          Günter Grass beendete gerade seinen ersten Roman in Paris, als ich ein paar Straßen weiter Abitur machte. Er war weltberühmt, als ich mich ihm Jahre später näherte. Ausgerechnet in Weilheim, dem Wahlbezirk von Franz Josef Strauss, trat Grass als Wahlhelfer der SPD auf. Ich saß im Saal, wo die Volksseele kochte. Der Redner auf der Tribüne genoss seinen Auftritt als Volkstribun. Er mischte sich später unters Volk und trank Pfeife rauchend sein Bier mit den ihm feindseligen Wählern. Andererseits herrschte Respekt: Ein „Hundling“ war er schon, durchaus ebenbürtig an Statur dem bayerischen Nationalhelden.

          Diese Volksnähe genoss er, die Themen und die Empörung gingen ihm nicht aus, ob in einem Bierzelt unter Tausenden oder zu Hause am Kaffeetisch. Einsatz, wie er ihn bewies, erwartete er selbstverständlich von anderen, allen voran den Freunden. Dabei machte er keine Trennung von öffentlich und privat. Die Ehen, Liebschaften, die Irrungen und Wirrungen in seinem Leben und dem seiner Freunde beobachtete er so aufmerksam wie das Zeitgeschehen. Bei Spaziergängen, beim Einkaufen am Hafen der Insel Mön erzählte er von sehr schmerzhaften Episoden, von einem oder mehreren Kindern, von Scheidungen, nie ganz überwunden ... Warum er nie über dieses sein „privates Leben“ geschrieben habe, wollte ich wissen, als wir an einem Fischkutter Heringe kauften. – „Für mich kein Thema“, war die knappe Antwort. Und ablenkend: „Die Köpfe müssen silbrig, nicht rot sein.“

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          Als er uns bei den Dreharbeiten zur „Blechtrommel“ in Danzig besuchte, ausgerechnet auf dem Kartoffelacker seiner und Oskars Großmutter, war ich durch seinen wohlwollenden Blick in meinem Rücken so gelähmt, dass ich das ganze Tagespensum nach seiner Abreise wiederholen musste. Heute schüchtert mich seine Kritik nicht mehr wie die eines zürnenden Gottes ein, umso mehr nehme ich mir die Sorge des Freundes zu Herzen.

          Dabei hätte er allen Anlass zum Zorn gehabt. Gleich nach dem Film schlug er vor, gemeinsam ein Drehbuch, direkt für den Film, also ohne Umweg über die Literatur, zu schreiben. Bilder über Bilder entwarf er, meist buchstäblich mit Kohlestift auf einem großen Blatt. Zwei Filmstoffe haben wir so entwickelt, aber ich habe mich ihnen entzogen, hielt sie für „Kopfgeburten“, wie er dann auch das Buch dazu nannte.

          Es hätte noch einen zweiten Teil der „Blechtrommel“ geben sollen. Schlöndorff und Grass haben achtzehn Drehbuchfassungen erarbeitet.

          Untröstlich aber bin ich, dass es nie zu dem Film „Blechtrommel zwei“ gekommen ist. Ganze achtzehn Drehbuchfassungen haben wir im Laufe der Jahre in Berlin, an der Nordsee, an der Ostsee, in Wewelsfleth und in seinem Forsthaus bei Lübeck entworfen. Von Oskars Ankunft als Flüchtling im „Westen wo besser ist“, seiner Lehrzeit als Steinmetz und Kunststudent, seiner Zeit als Anstaltsinsasse und seinem nachmaligen Aufstieg als Medienunternehmer à la Leo Kirch haben wir sein Leben weitergesponnen über das Wirtschaftswunder, die Achtundsechziger bis hin zum Fall der Mauer.

          Dieser „zweite Teil“ war sogar Bedingung und Versprechen dafür, dass der erste 1945 aufhörte, also bei der verlogenen Fiktion einer Stunde null, gegen die Grass ein Leben lang angeschrieben hat. Was für ein Jammer, dass dieses Projekt gescheitert ist, an Widerständen, die wir beide nie verstanden haben. Unterm Strich in einem Wort: „nicht kommerziell genug“.

          Ein anderes Projekt, das wir hatten, war der Wald. An Grimms Wörter dachte er damals schon, und der Wald lag ihm tatsächlich am Herzen. Das wusste ich vom gemeinsamen „in die Pilze gehen“. Seinem geübten Auge entging kein noch so kleiner Pfifferling, kein gut getarnter Maronenpilz. Sie alle endeten mit reichlich Knoblauch und frischer Petersilie auf unserem Teller, nicht ohne zuvor mit der Kaltnadel radiert oder in Ton modelliert worden zu sein. Sein Arbeitszimmer ist voll dieser Morcheln, Muscheln und Alraunen. Ein friedfertiger Sammler, kein Jäger. Auch wenn er seine Büchse auf viel Großwild angelegt hat, seine Sympathie galt dem Kleinen, das kreucht und fleucht. Den Ameisen, die eine Zuckerstraße anlegen, als die Rote Armee Danzig erobert, den Schnecken, die den Fortschritt bringen, den Ratten, die uns überleben werden -– und die alle in Bronze gegossen auf seiner Fensterbank dem Hämmern der Schreibmaschine lauschen, wie seinerzeit der ungeborene Oskar auf die Herzschläge seiner Mama.

          Zu einsam für mich sei diese Schreibarbeit, sagte ich ihm einmal. Ich hätte immer das Gefühl, draußen gehe das Leben vorbei, während ich hier sitze ... Seine Gegenfrage: Und was meinst du, wie es mir geht?

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