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Günter de Bruyn ist tot : Vom Beharren auf dem Freiraum

Günter de Bruyn im Jahr 2007 in seinem Garten Bild: dpa

Er ließ sich in der DDR nicht vereinnahmen und erreichte die Leser in Ost und West: Zum Tod des Schriftstellers Günter de Bruyn.

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          Ein Bibliotheksleiter verliebt sich in eine junge Kollegin, verlässt seine Familie, um mit ihr eine schäbige Hinterhauswohnung zu teilen, und kehrt schließlich zu Frau und Kindern zurück, ohne sich letztlich für eines dieser beiden Leben entschieden zu haben. Ein märkischer Heimatforscher stellt beglückt fest, dass sich ein Wissenschaftler aus Berlin für seinen abseitigen Gegenstand – einen vergessenen lokalen Lyriker der Befreiungskriege – interessiert, und sieht sich bald subtil von dem vermeintlichen Mitstreiter bedroht, weil er nicht bereit ist, seine Ergebnisse gemäß der Parteilinie hinzubiegen, was ihn am Ende an die Grenze geistiger Verwirrung treibt. Ein junger Mann, dessen einflussreicher Vater seinem Sohn den Weg ins Establishment der DDR ebnen will, nimmt sich eine Auszeit in der Provinz, wo er mit dem Landleben und einem jungen Mädchen flirtet, bevor er sich neuerlich ins ostdeutsche System fügt. Und ein steinaltes Geschwisterpaar beobachtet schließlich, knapp dreißig Jahre nach der Wende, von der Familienvilla aus, wie sich das brandenburgische Dorf, in dem es lebt, verändert.

          Keine Heldengeschichte

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es in den Romanen „Buridans Esel“, „Märkische Forschungen“, „Neue Herrlichkeit“ und „Der neunzigste Geburtstag“, erschienen 1968, 1978, 1984 und 2018. Jeder von ihnen offenbart die stilistische Brillanz des Autors Günter de Bruyn, in jedem meint man Züge des Verfassers zu entdecken, und keiner ist auch nur ansatzweise eine Heldengeschichte. Doch diejenigen, von denen erzählt wird, fallen aus einer Gesellschaft hinaus, die auf Zusammenhalt setzt und auf Konsens. Und die Gründe dieses Davondriftens liegen jeweils in den Protagonisten, die – wie der so lauwarm liebende Bibliothekar oder der wachsweiche Funktionärssohn – im Zweifel den materiellen wie immateriellen Komfort wählen, während der Heimatforscher Pötsch starrsinnig und die betagten Geschwister Leydenfrost mild skeptisch den geforderten Konsens verweigern, jeweils mit einer Weltsicht, die durch wissenschaftlichen Fleiß oder die Erfahrung von knapp neunzig Lebensjahren geformt worden ist.

          Günter de Bruyn, geboren 1926 in der Weimarer Republik, aufgewachsen in der Zeit des Nationalsozialismus und bis zu seinem 64. Lebensjahr Bürger der DDR, war Lehrer und später Bibliothekar, bevor er sich in ein verfallenes Bauernhaus in einer märkischen Einöde zurückzog, um als freier Schriftsteller zu leben. Seine Prosa verlor rasch die ohnehin nur spärlichen Girlanden der frühen Jahre, und De Bruyn selbst überzog sein Debüt „Der Hohlweg“ von 1965 mit unbarmherziger, gleichwohl kühl analytischer Kritik – er gab ihr den Titel „Der Holzweg“ – und parodierte 1966 im Band „Maskeraden“ neben Christa Wolf, Erwin Strittmatter oder Franz Fühmann auch den eigenen, damals gerade drei Jahre alten Erzählungsband „Ein schwarzer, abgrundtiefer See“. Er zeigte sich darin wach gegenüber sich selbst, gegenüber den eigenen Tendenzen zur Anpassung, und indem er diese öffentlich machte, signalisierte er auch den Willen zu künftiger Distanz zu den Institutionen des DDR-Kulturbetriebs. Sein Werk hat dieses Versprechen eindrucksvoll eingelöst. Auch deshalb wurde De Bruyn zu einen beim ostdeutschen Lesepublikum äußerst beliebten Autor, der zu den Unterzeichnern der Petition gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung gehörte und sich den Versuchen, ihn zu vereinnahmen, entzog.

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