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Kellers 200. Geburtstag : Atheismus zur Verschönerung der Welt

Älter geworden, nahm er Abschied von den Freuden des dramatisch üblen Endes: Gottfried Keller Bild: Picture-Alliance

Schreibfaul, streitlustig und an der Schwelle zur Moderne: Zum zweihundertsten Geburtstag von Gottfried Keller, dem Entschleuniger des Erzählens.

          Immer öfter geht es gut aus. In Gottfried Kellers erzählerischen Hauptwerken, den beiden Fassungen des Romans „Der grüne Heinrich“ und den zehn Novellen der zweibändigen Sammlung „Die Leute von Seldwyla“, überwiegen das gelinde und das glückliche Ende. In die biographische Reihe gebracht: Je älter der Autor wird, desto abholder ist er dem traurigen, gar tragischen Finale.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Er ist Mitte dreißig, als zwischen 1853 und 1855 die erste Version des „Grünen Heinrichs“ in vier Bänden erscheint – und auf ein doppeltes Desaster hinausläuft. Heinrich, ein nach sieben Jahren gescheitert aus der Fremde heimkehrender Kunstmaler, begegnet, kaum ist die Heimat in Sicht, dem Trauerzug für die tote Mutter und stirbt kurz danach an gebrochenem Herzen und seiner Sohnesschuld. Diesen „zypressendunklen Schluss“ hat Keller rasch bedauert. Er war der Hauptgrund für die lange erwogene Revision des Romans, die aber erst ein Vierteljahrhundert später verwirklicht wurde. Jetzt trifft Heinrich die Mutter zwar schon auf dem Sterbebett, aber noch bei Bewusstsein an. Nach ihrem Tod wird er selbst noch Jahrzehnte vor sich haben, dabei ein kleines Staatsamt versehen und bei getrennter Behausung ein vertrautes Zusammensein mit der um einiges älteren Jugendliebe Judith erfahren.

          Parallel zur frühen Fassung des Romans werden auch die ersten Seldwyler Geschichten entworfen und ausgeführt – unter ihnen was bis heute meistgelesene und meistgerühmte seiner Werke, die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Sie ist das Dunkelste, das er schrieb. Am Ende lassen sich die Bauernkinder Sali Manz und Vreni Marti auf einem gestohlenen Frachtkahn flussabwärts treiben. Eine Nacht lang halten die ausweglos Liebenden Hochzeit, um bei anbrechender Morgenröte eng umschlungen in die kalte Flut zu steigen. Die in der Erstausgabe von 1856 gleich folgende Geschichte „Die drei gerechten Kammmacher“ fordert mit den Handwerksgesellen Jobst und Fridolin zwei weitere Opfer. Einer wird irre, einer erhängt sich.

          Aufs Neue gut zwanzig Jahre vergehen, ehe die erweiterte, nun beim Publikum erfolgreiche Edition der „Leute von Seldwyla“ erscheint. Neue Todesfälle gibt es nicht. Stattdessen wird mal triumphal, mal tapfer geheiratet („Kleider machen Leute“ und „Dietegen“), mal eine zerrüttete Ehe wieder versöhnt und neu belebt („Das verlorene Lachen“). Einst hochmütige Taugenichtse wandeln sich zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft („Pankraz, der Schmoller“ und „Der Schmied seines Glückes“). In „Spiegel, das Kätzchen“, einem spätromantischen Schabernack, werden der aufgeblasene Hexenmeister und die hässliche Alte zwangsgepaart, bleiben ansonsten aber unversehrt. „Frau Regel Amrain und ihr Jüngster“ zeigt eine vaterlose Familie in prekären Verhältnissen, die dank pädagogischer Klugheit zu Kindersegen und Wohlstand gelangt. „Die missbrauchten Liebesbriefe“ führen in Kontrafaktur zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ zwei Frauen und zwei Männer weder in den Krieg noch in die Entsagung, weder in die Einsamkeit noch ins Grab, dafür in eine final für alle Beteiligten angemessene Doppelkonstellation. Und in den „Kammmachern“ erobert der jüngste Geselle, der wackere Dietrich, in Jungfer Züs Bünzlin schließlich das vermögende Subjekt der Dreierbegierde, wenngleich um den Preis einer plüschigen Ehehölle und eines gehörigen Quantums Zickigkeit.

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