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Goethepreis für Karahasan : Was ist das, mein Platz?

Dževad Karahasan bekommt in der Paulskirche den Goethepreis von Oberbürgermeister Peter Feldmann verliehen. Bild: dpa

Dževad Karahasan nimmt den Frankfurter Goethepreis entgegen, Ingo Schulze hält die Laudatio. Was der bosnische Autor aus der Erfahrung des späten zwanzigsten Jahrhunderts über Identitätsdiskurse zu sagen hat, zielt auf unsere Gegenwart.

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          Als das Leben im belagerten und beschossenen Sarajevo 1992 immer gefährlicher wird und die junge Antonija vor Angst fast zusammenbricht, tut sich ein Hoffnungsschimmer auf: Ihre Tante, die in Zagreb über beste Verbindungen verfügt, hat mit Hilfe eines Mittelsmannes einen Weg gefunden, Antonija, ihren Verlobten und ihre Mutter Sara aus der Stadt zu schleusen. Bedingung sei aber, sagt der kroatische Helfer in Dževad Karahasans Roman „Sara und Serafina“ von 1999, dass die drei einen Taufschein vorlegen könnten. Die eigentlich verfeindeten Serben und Kroaten, die den Zugang zur Stadt kontrollierten, seien sich da einig: Akzeptiert würden von ihnen „saubere und loyale Leute, die wissen, wohin sie gehören“. Völlig unannehmbar seien aber „die Muslime und diese Multinationalen, die nicht wissen, wo ihr Platz ist“.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Am vergangenen Freitagnachmittag ist der bosnische Autor Karahasan, geboren 1953 im jugoslawischen Duvno, in der Paulskirche mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet worden. „Aufzeichnung über Schulden“, so war seine Dankesrede überschrieben, die situationsadäquat mit einem Zitat aus „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ begann und dem Eingeständnis, an Goethes Roman, den der bosnische Autor mit siebzehn Jahren kennenlernte, zum Lesen als Dialog gefunden zu haben, so verstanden, dass der Leser die Leerstellen entdeckt, „die der Autor scheinbar absichtlich gelassen hat, damit ich mich einschreibe und sie ausfülle“.

          Wenn es also tatsächlich um „Schulden“ ging, wie Karahasan glaubhaft auch an anderen Beispielen seiner „Wilhelm Meister“-Rezeption deutlich machte, dann ließ er zugleich aufscheinen, wie er das geborgte Kapital vermehrt hat. Denn vom dialogischen Prinzip seiner Lektüre ausgehend charakterisierte Karahasan das ideale, das „wahre Gespräch“ als Austausch und Kennenlernen der Partner „auch auf einer mystischen Ebene“, was man auf die Formel „Ich bin ich, weil du du bist, und du bist du, weil ich ich bin“ bringen könnte.

          Dinge, die wichtiger sind als Überleben

          Ingo Schulze erinnerte in seiner klugen Laudatio auf Karahasan an eine Überlegung des Geehrten, die sich gegen Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ wendet und eine Alternative dazu anbietet: „Den Beweis, dass du wirklich existierst, liefert dir die Tatsache, dass jemand anderer an dich denkt.“ Was das für die Präsenz, für das Fortleben von bereits Verstorbenen bedeutet, führt Karahasan, der die Belagerung von Sarajevo in der Stadt erlebte und in seinem „Tagebuch der Aussiedlung“ 1993 beschrieben hat, immer wieder vor. Etwa im Roman „Sara und Serafina“, dessen Erzähler sich fragt, warum es unter all den Toten gerade Sara ist, die ihn heimsucht. In „Der Trost des Nachthimmels“ von 2015, dessen Zentralfigur im Alter engeren Verkehr mit seinen Gestorbenen als mit den Mitlebenden hat. Oder im am Vorabend des Bosnien-Kriegs angesiedelten Roman „Der nächtliche Rat“ von 2005, dessen Hauptfigur im Keller eines Hauses auf die verstorbenen Bewohner trifft. Ums Gruseln geht es dabei nicht, weder für die Figuren noch für die Leser, eher um eine Perspektivenerweiterung: Wer die Vergangenheit, die ihn mit den Toten verbindet, als Grundlage der Gegenwart begreift, für den ist nichts egal und nichts vergessen. Und er wird sich auch mit Blick auf die Zukunft anders verhalten.

          Nur wie? Als eine weitere Frucht seiner Goethe-Lektüre nannte Karahasan ein tief begründetes Bewusstsein, verkürzt gesagt, für die Verbindung aller mit allem sowie für die überall wirksame Differenz, die keinen Einzelnen ganz identisch mit einem anderen sein lässt. „Dank dieser Lehre kann ich noch heute mit Verwunderung Menschen und Gesellschaften betrachten, die sich bemühen, ihre Identität zu definieren, um sie so zu bewahren.“ Es waren diese Worte, auf die Karahasans Dankesrede zusteuerte, und die, erwachsen nicht zuletzt aus der Erfahrung des späten zwanzigsten Jahrhunderts, am deutlichsten auf unsere Gegenwart zielten.

          Als Zwölfjährige, sagt Sara, sei ihr mitten im Zweiten Weltkrieg instinktiv klar gewesen, dass es „Dinge gibt, die wichtiger sind als Gesundheit und Überleben“. Und trotzdem sei sie ihrer älteren Schwester damals zutiefst dankbar gewesen, als diese in einer solchen Situation Saras Einstehen für diese Werte unterband und ihr so das Leben rettete.

          Dass Karahasans literarisches Werk diese existentiellen Fragen stellt, vielfältig durchspielt und dem Leser die Antwort überlässt, machte ihn immer schon zu einem faszinierenden Autor. Jetzt zeigt es ihn als einen würdigen Goethepreisträger für eine Zeit, in der diejenigen gefährdet sind, die sich weigern, ihren vom Chauvinismus der anderen definierten Platz einzunehmen.

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