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Wie überlebt man als Autorin? : „Plötzlich verstand ich, was uns fehlt“

Die italienische Schriftstellerin Giulia Caminito Bild: ALBERTO CRISTOFARI/CONTRASTO/laif

Die italienische Schriftstellerin Giulia Caminito über ihren neuen Roman „Ein Tag wird kommen“, die anarchistische Bewegung in Italien und das Versagen der Politik.

          6 Min.

          Frau Caminito, in Italien finden an diesem Wochenende in einigen Provinzen Regionalwahlen statt sowie ein Verfassungsreferendum für die Verkleinerung des Parlaments. Werden viele junge Italiener wählen gehen?

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das hoffe ich. Es ist nicht der beste Zeitpunkt für so wichtige Abstimmungen. Wir sind derzeit alle ziemlich verwirrt und besorgt. Zudem steht in den Zeitungen gerade viel über Covid und einige furchtbare Mordfälle, über das Referendum hat man hingegen nur wenig erfahren. Meiner Ansicht nach ist eine Verkleinerung des Parlaments nicht automatisch ein Garant für mehr Qualität. Die politische Klasse müsste sich erneuern und ihre Fähigkeiten und ihre Zusammensetzung verbessern: Mehr Frauen, mehr multikulturelle und junge politische Vertreter, mehr Inklusion, mehr Ernsthaftigkeit, Strenge und Weitsicht. Das alles erreicht man nicht einfach durch die Verringerung der Sitze.

          Gerade ist Ihr Roman „Ein Tag wird kommen“ auf Deutsch erschienen. Das Original trägt den Untertitel „Ein Roman über Glaube, Hoffnung und Anarchie“. Das sind die Themen, um die es geht. Sie entwickeln sie vor allem an der Figur von Lupo. Anders als die meisten jungen Menschen im heutigen Italien lebt er vollkommen für eine politische Idee. Sie haben sich, wie schon in Ihrem Debüt, wieder von Ihrer Familiengeschichte inspirieren lassen?

          Diesmal war es die Familiengeschichte mütterlicherseits. Mein Debüt, „La Grande A“ spielt während der Kolonialzeit und basiert auf der Familiengeschichte meines Vaters: Meine Urgroßmutter ging nach Afrika und eröffnete im heutigen Eritrea in einem winzigen Nest eine Bar. Meine Großmutter lebt noch und hatte mir alles erzählt. Über Nicola Ugolini, meinen Großvater mütterlicherseits, wusste man nur, dass er ein glühender antiklerikaler Anarchist gewesen ist, der seine Frau erst ehelichte, als sie erkrankt an der Spanischen Grippe im Sterben lag. Später musste er Italien verlassen. Seine Spur verliert sich in Deutschland, wo er vermutlich starb.

          Wie sind Sie vorgegangen, um daraus eine Geschichte zu stricken?

          Ich bin nach Serra de’Conti, zu den Orten der Kindheit meiner Mutter und Großmutter, gereist. Die Idee, über die anarchistische Bewegung in den italienischen Marken Ende des 19. Jahrhunderts zu schreiben, hatte ich da schon im Kopf. Ein Jahr lang habe ich in Archiven recherchiert. Dann erschuf ich die Familie Ceresa. Die Mutter bringt ein Kind nach dem anderen zur Welt, die bis auf Lupo und dessen Bruder Nicola alle sterben. Die beiden sind sehr verschieden, aber gleich nutzlos für den Vater, da sie dessen Bäckerei nicht weiterführen wollen. Lupo ist ein Rebell, der gegen das System der Halbpacht kämpft, Nicola fühlt sich zu schwach für das harte Leben der damaligen Zeit. Beide werden in die großen Ereignisse der Epoche verwickelt: die „Settimana Rossa“, Erster Weltkrieg, Spanische Grippe, das Aufeinandertreffen von Sozialismus und Anarchismus.

          Der Teil über die Spanische Grippe erinnert gespenstisch an die Gegenwart. Die Zeitungen damals gaben Verhaltensempfehlungen: Keine Hände schütteln, sich nicht küssen...

          Ich ertrage es kaum noch, den Teil zu lesen. Ich wollte über die Spanische Grippe schreiben, da meine Familie daran erkrankt war. Was ich in den Archiven fand, kam mir absolut surreal vor: eine Krankheit, die überall und so ansteckend ist, dass die Toten nicht mehr beerdigt werden können, dass die Kirche versagt, es nicht genügend Ärzte gibt. Es gibt Parallelen zu heute, aber in Italien lernt man nichts daraus.

          Die andere Ebene des Romans handelt von der schwarzen Äbtissin Suor Clara. Sie geht auf die historisch verbürgte Zeinab Alif zurück, genannt La Moretta, die im 19. Jahrhunderts von Sklavenhändlern als Kind aus Sudan entführt, nach Serra de’Conti gebracht und dort Äbtissin wurde. Wie bekannt ist ihr Schicksal?

          La Moretta wird bis heute in Serra de’Conti verehrt, und es wird jedes Jahr eine Prozession für sie abgehalten. Im übrigen Land ist sie eine Unbekannte. In Italien gibt es viele Klöster, in denen schwarze Nonnen lebten. Und es gibt Tausende von kleinen, wichtigen Geschichten. Jeder Ort ist stolzer Bewahrer einer Tradition. Das kann eine bestimmte Art sein, ein Essen zuzubereiten, oder man hält das Gedenken an eine Person wach, die wichtig für ihn war. La Moretta ist so eine Person.

          Sind Sie religiös?

          Überhaupt nicht. Aber ich habe Flannery O’Connors „Gewalt tun“ gelesen. Es beschreibt die Bürde eines Mannes, Prophet zu sein. Der Glaube erscheint dabei so mächtig und stark, dass er kaum beschreibbar ist. Mich hat das sehr bewegt. Meine Generation ist frei von jedem Glauben. Wir glauben weder an Religion noch an eine politische Ideologie, nicht an die Zukunft und schon gar nicht an die Gegenwart. Ich verstand plötzlich, was uns fehlt. Lupo führt das Leben eines Anarchisten, Suor Clara das einer Nonne. Beide haben etwas, das sie durchs Leben führt.

          Die übrigen Figuren scheinen eher von den historischen und politischen Ereignissen hin- und hergeworfen zu werden. Sie sind nicht wirklich die Protagonisten ihres eigenen Lebens. Braucht es dafür einen Glauben?

          Ich denke schon. Die übrigen versuchen nur zu überleben. Besonders Nicola, ich fühle mich ihm deshalb näher als Lupo.

          Am Ende schreiben Sie: „Im Grunde bin ich Nicola Ceresa, derjenige, der Angst hat und im Kopf nicht ganz richtig ist, dem die Hände zittern und der auf Lupos schaukelnden Nacken blickt, während er die Dorfstraße hinuntergeht.“ Wovor fürchten Sie sich?

          Vor allem. Manchmal denke ich, ich habe Suor Clara und Lupo nur erschaffen, damit sie mich an die Hand nehmen. Für die beiden ist alles so klar. Sie sind kraftvoll. Ich bin leider nicht so. Meiner Generation fehlt die Kraft. Wir haben keine Ideen, die uns die Richtung weisen könnten. Deshalb gibt es in meinem Roman auch einige eher schwache Charaktere. Auch meine Generation sollte sich darin wiederfinden können.

          Wenn die Religion keine Option ist, warum engagieren Sie sich dann nicht in der Politik?

          (lacht) Die italienische Politik ist sehr weit entfernt von den jungen Menschen. Sie ist voller Widersprüche und Geheimnisse. Wir haben seit langem keine starken, glaubwürdigen Politiker mehr erlebt und können nicht an die Gedanken aktueller Politiker anknüpfen. Sie haben uns zu oft enttäuscht, sprechen nicht für oder zu uns, sind einfach da, einige stehlen. Es ist ein Drama.

          Ist wirklich die Politik für die Misere verantwortlich, oder ist Ihre Generation einfach zu selbstsüchtig und interessiert sich deshalb nicht für Politik?

          Unsere Zeit ist tatsächlich sehr selbstbezogen. Aber in Italien muss man an sich selbst denken, sonst geht man unter. Während des Lockdowns habe ich das erste Mal staatliche Hilfe in Form einer zweimonatigen Unterstützung erhalten. Davor musste ich alles allein hinbekommen. Das mag seltsam klingen, wir sind ja nicht im Krieg oder leiden Hunger. Aber in Italien müssen wir auf eine andere, sehr tiefgreifende Art um unser Überleben kämpfen. Meine Kindheit war von Berlusconi geprägt. Es war eine Katastrophe, ein jahrelang anhaltender Tornado, der alle Lebensbereiche durcheinanderwirbelte und sie grundlegend veränderte. Die Leute hatten ihn gewählt, es war ein gesellschaftliches Problem. Als ich alt genug zum Wählen war, habe ich mich dagegen entschieden. Auch heute tue ich mich mitunter noch schwer damit, da ich nicht weiß, wem ich vertrauen könnte.

          Sie haben politische Philosophie studiert. Fällt einem da die Anknüpfung an die Politik nicht leichter?

          In Italien gibt es keine Verbindung zwischen der politischen Theorie und dem politischen Tagesgeschehen. Was ich studiert habe, ist nicht von Bedeutung in meinem Land. Es war sehr enttäuschend, das zu realisieren. Ich wollte eigentlich eine Unikarriere einschlagen. Aber es hieß, mein Fachgebiet habe keine Zukunft: keine Jobs, keine Möglichkeiten, kein Geld. Also begann ich, im Verlagswesen zu arbeiten und selber zu schreiben. Ich nahm mir vor, all das, was ich während des Studiums gelernt habe, in meine Romane zu packen. Dort gab es den Raum dafür, in der Realität gab es ihn nicht.

          Italien erlebt einen Exodus junger, gut ausgebildeter Italiener. War wegzugehen nie eine Option für Sie?

          Nein. Ich fühle mich meinem Land sehr verbunden. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Finanziell stünde ich heute besser da. Die Realität meiner Generation sieht so aus: Wir verdienen nichts.

          Auch nicht als Schriftstellerin, die, wie Sie, sehr erfolgreich ist, bedeutende Literaturpreise gewonnen hat und regelmäßig in Zeitungen publiziert?

          Man könnte tatsächlich denken, ich sei gut situiert. Aber so läuft das nicht bei uns. Es werden zu viele Bücher für wenige Leser veröffentlicht. Man rackert sich für etwas ab, das am Ende kaum jemand kauft. Wenn ich etwas für eine Zeitung schreibe, bekomme ich in der Regel kein Honorar. Ich mache es trotzdem, da es meines Erachtens zur Arbeit einer Schriftstellerin dazugehört. Auch bei Lesungen ist das so: Man geht hin, liest und diskutiert mit dem Publikum, bekommt aber kein Geld dafür. Im Oktober werde ich mein Buch in Berlin vorstellen. Es hat mich total umgehauen, dass ich dafür bezahlt werden soll. Ich dachte erst, das sei ein Witz.

          Wie überlebt man als junge Autorin?

          Ich bin Anfang dreißig und werde noch von meiner Familie unterstützt.

          Die wichtigsten Literaturpreise gehen in Italien eigentlich immer an Männer. Gibt es zu wenige gute Schriftstellerinnen?

          Ganz und gar nicht. Sie haben aber nicht den gleichen Stellenwert wie ihre männlichen Kollegen. Das gilt für alle Bereiche der italienischen Gesellschaft. Die Praxis der Preisvergabe ist nur ein Spiegel unserer Gesellschaft und Kultur. Es gibt viele Studien über Frauen im italienischen Verlagswesen, die zeigen, sie sind dort immer nur winzige Rädchen in einer riesigen männlichen Maschine.

          Sie haben mit vier anderen Frauen die Verlagsagentur Clementine gegründet. Wollen Sie das Feld verändern?

          Natürlich! Wir sind ein Kollektiv. Um in Italien erfolgreich zu sein, muss man als Gruppe auftreten.

          Ist deshalb die Familie so wichtig?

          Sie ist ein Kernpunkt unserer Kultur. Die Familie, wie einige Politiker sie geradezu obsessiv propagieren, ist aber ein ideologisches Konstrukt. Sie hat nichts mit der wirklichen Tradition der Familie zu tun. In der Kultur der Bauern, wie ich sie in meinem Roman beschreibe, bedeutete sie nicht Mama, Papa, Kind. Die Familie war eher ein Zusammenschluss verschiedener Menschen, ein Ort des Zusammenhalts, der Geheimnisse und des Verrats.

          In der Familie Ceresa im Roman war schon der Großvater Anarchist. Ist auch in Ihrer der Glauben an den Anarchismus weitergeführt worden?

          Meine Eltern gehörten der Studentenbewegung an und sind bis heute sehr links. Ich fühle mich tatsächlich eher dem Konzept des Anarchismus nah. Das ist mir bei meinen Recherchen klargeworden. Die Idee einer horizontalen Gesellschaft gefällt mir, aber ich bin gegen jede Form von Gewalt. Der Anarchismus verlangt eine Revolution der Gesellschaft; eine andere Art des Arbeitens, des täglichen Lebens, der Beziehungen. Viele glauben, Anarchismus bedeute, einfach zu tun, was einem gefällt. Aber das ist falsch. Anarchismus beschreibt eine Geisteshaltung, die in der Lage wäre, das Miteinander zu verbessern.

          Giulia Caminito: „Ein Tag wird kommen“. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Verlag Klaus Wagenbach, 272 Seiten, 23 Euro.

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