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Gesualdo Bufalinos Heimatstadt : Das Palastgefängnis eines Poeten

Der Schriftsteller in seiner Stadt: Gesualdo Bufalino in Comiso, aufgenommen 1980 Bild: Ferdinando Scianna/Magnum Ph

Die Kleinstadt Comiso liegt am Rand – von Sizilien, von Italien, von Europa. Doch für den Schriftsteller Gesualdo Bufalino war ihre Piazza „der einsame Pol des Universums“: Höchste Zeit, ihn nicht nur dort zu feiern.

          9 Min.

          Einen Flughafen hat die kleine Stadt auch. Schon vor Corona war dort wenig los, kaum eine Handvoll Flüge am Tag – nach Mailand-Malpensa, Frankfurt-Hahn oder Brüssel-Charleroi. Der Aeroporto di Comiso, der seit 2014 nach einem Mafiaopfer „Pio La Torre“ heißt, hat bessere Zeiten gesehen, die eigentlich schlechtere waren: 1937 im Faschismus erbaut, wurde er 1981 von der Nato als Stützpunkt ausgewählt, die Amerikaner stationierten 112 Marschflugkörper mit atomaren Gefechtsköpfen, die Friedensbewegung protestierte mit Demonstrationen und Sitzblockaden. Nach dem Ende des Warschauer Pakts wurde die militärische Nutzung stark eingeschränkt und 2002 aufgegeben. Comiso blieb ein Synonym für Cruise Missiles. Wie Seveso für Dioxin.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Schon 1988 schrieb Gesualdo Bufalino: „Es ist möglich, ja wahrscheinlich, dass die Mächtigen wieder vernünftig werden und Comiso morgen aus Cruisetown zurückkommt, um sich Comiso zu nennen.“ Inzwischen heißt Comiso wieder nur noch Comiso, und Bufalino hat es auf die literarische Landkarte gesetzt. Immer wieder hat er, einer der bedeutendsten Schriftsteller Italiens im zwanzigsten Jahrhundert, sich der Stadt schreibend zugewandt, sein Leben lang ist er von ihr nicht losgekommen. In Comiso wurde er 1920 geboren, etwas außerhalb ist er 1996 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt.

          Nur zum Studium, zunächst in Catania, später in Palermo sowie dazwischen als Soldat im Zweiten Weltkrieg und anschließend für den Aufenthalt in einem Sanatorium, wo er eine Lungenschwindsucht auskurierte, hat Bufalino die Stadt für längere Zeit verlassen. Seine Sesshaftigkeit überwand er, indem er sich in die Gegenwelt der Literatur zurückzog. Schon für das introvertierte, wenig kontaktfreudige Kind wurde die kleine Bibliothek des Vaters, eines Eisenschmieds, zum Fluchtort.

          Ein abgehängter Ort?

          Comiso liegt am Rand von Sizilien, von Italien, von Europa. An vielen Rändern. Auch am Rand der „Val di Noto“ im Südosten der Insel: Von dem Erdbeben, das 1693 Noto, Modica und Ragusa zerstörte, wurde Comiso nicht so verheerend getroffen, und so fiel der im warmen gelben Kalkstein der Gegend gehaltene Wiederaufbau nicht so prächtig aus. Auch am Rand des Küstenstreifens: Nach Marina di Ragusa, wo die Feriensiedlungen aus dem Boden schießen und die Immobilienpreise Mailänder Niveau erreichen, sind es gut zwanzig Kilometer.

          Abgehängt? Auf den ersten Blick sieht es so aus, der Haushaltswarenladen auf der Ecke ist im Ausverkauf, das Reisebüro bereits dicht, überall Schilder, die „Vendesi“ und „Affittasi“ rufen, aufgegebene Palazzi, deren Verfall oft weit fortgeschritten und kaum mehr aufzuhalten ist. Um die Mittagszeit eine Bar zu finden, die geöffnet hat, ist nicht ganz leicht, die Geschäfte der Bestatter laufen besser als die der Makler. Wer das Fremdenverkehrsbüro der Stadt aufsucht, wird freudig begrüßt und bekommt eine kunsthistorisch solide Broschüre aus dem Jahr 2010 in die Hand gedrückt.

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