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Hannah Arendt über Freiheit : Ein unwahrscheinlicher Bestseller

Die politische Denkerin und Journalistin Hannah Arendt Bild: dpa

Hannah Arendts Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ aus den Sechzigern ist seit Wochen in den Bestsellerlisten. Warum eigentlich? Und was sagt das über uns? Ein Gespräch mit dem Philosophen Thomas Meyer.

          Im Januar ist aus dem Nachlass von Hannah Arendt der Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ erschienen. Er steht seit Wochen auf der Bestsellerliste und hat sich bereits 50.000 Mal verkauft – ein unglaublicher und überraschender Erfolg. Worum geht es in diesem Text?

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Essay hat in allererster Linie eine Selbstklärungsfunktion für Hannah Arendt. Ihr Buch „On Revolution“ kam 1963 heraus, zwei Jahre später in überarbeiteter Fassung dann auf Deutsch. Sie hat gemerkt, dass dieses Thema näher rückt, als sie es beim Schreiben des Revolutionsbuchs selbst geglaubt hat. Die ersten Vorwellen von 1968 sind überall spürbar, sie ist in engem Kontakt mit Daniel Cohn-Bendit, dem Sohn eines engen Freundes aus der Pariser Exilzeit. Sie hält diesen Vortrag an einem extrem konservativem Thinktank. Das „Committee on Social Thought“ ist ein Eliteprojekt der Chicagoer Universität gewesen, das 1941 gegründet wurde. Es existiert bis heute und verstand sich als ein alteuropäisches Modell von Gelehrsamkeit. Dort lehrte man „The great books“, von Platon bis zu Spenglers „Untergang des Abendlandes“. In diesem Thinktank hält also Arendt 1967 einen Vortrag, in dem sie in einem geschichtsphilosophischen Bogen über den Zusammenhang von Freiheit und Revolution spricht.

          Ist das eine provozierende Geste?

          Ja, weil sie sich dezidiert auf die Seite revolutionären Geschehens stellt. Sie sagt, Revolution kann nur gelingen, wenn sie institutionalisiert wird. Hannah Arendt liefert in diesem Vortrag ein Plädoyer für aktive Wachsamkeit. Sie stemmt sich mit aller Kraft gegen ihr katastrophales Jahrhundert. Ihre Idee, dass mit der Geburt eines jeden Menschen, eines jeden Gedankens ein ebenso kleiner wie radikaler Neuanfang gemacht ist, ist selbst revolutionär.

          Wie ist dieser Vortrag aufgenommen worden?

          Dazu findet man nichts. Es gibt ein Manuskript im Nachlass, stark redigiert wie immer, jedes Manuskript war für Hannah Arendt immer nur ein Ausgangspunkt, alles war bei ihr im Fluss. Und es gibt eine Reinschrift, die so wirkt, als hätte sie das abgelegt, um es bei Gelegenheit zu veröffentlichen. Da sie in ihrem Leben ganz lange die Idee der frei schwebenden Intellektuellen verfolgt hat, hat sie während des Schreibens immer schon an die Verwertung gedacht. Und natürlich wusste sie, dass vom „New Yorker“ bis hin zur „NZZ“ oder „F.A.Z.“ alle gerne Arendt-Texte nahmen.

          „Die Freiheit, frei zu sein“, heißt der Text. Hat der Erfolg des Buchs auch etwas mit dem Titel zu tun?

          Ganz bestimmt. Das klingt natürlich gut. Als ich den Titel zum ersten Mal las, „The Freedom to be free“, war ich mir sicher, ihn irgendwo schon mal gehört zu haben, und habe dann festgestellt, dass es ein Bezug auf Rousseau ist, auf den ersten Satz des „Gesellschaftsvertrags“: „Der Mensch wird frei geboren, doch überall liegt er in Ketten“. Die genaue Formel wiederum verwendet der Philosoph Henry David Thoreau in seiner 1863 erschienenen Schrift „Leben ohne Prinzipien“: „Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind?“

          Wie beantwortet Hannah Arendt das?

          Für Arendt ist Freiheit immer politisch. Sie setzt die Befreiung der Individuen von Zwängen voraus. Sie nimmt dabei Bezug auf eine philosophische Diskussion, die durch Isaiah Berlin angestoßen wurde, zwischen positiver und negativer Freiheit: Freiheit heißt nicht nur, wir sind frei von etwas – das ist zu wenig. Es muss eine Freiheitsmöglichkeit geben, die sich selbst frei sein lässt. Das ist nicht mehr die Herzensfreiheit des 18. und 19. Jahrhunderts, sondern eine Freiheit, die öffentlich wirken will.

          Der Titel allein kann es nicht sein. Was meinen Sie, warum ist der Essay 2018 so ungeheuer erfolgreich?

          Zum einen gibt es ein teilbewusstes Gefühl von einer schwer greifbaren Verunsicherung mit einem starken Trend, dass der vermeintliche Mainstream-Diskurs in die Passivität geraten zu sein scheint. Auf der anderen Seite gibt es eine offensiv geführte, aber sich immer noch als unterdrückt präsentierende Gegenbewegung von rechts. Und die Begriffe Freiheit und Revolution verheißen in einer solchen Lage viel. Sie verheißen einen Ausweg.

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