https://www.faz.net/-gr0-9dnkd

Friedrich Ani über Bayern : Eine Niederlage der CSU ist noch lange nicht sicher

„Meine Identität beruht ganz klar auf der Sprache“, sagt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Friedrich Ani, der deutliche Worte nicht scheut.. Bild: Jan Roeder

Der Vater Syrer, die Mutter Schlesierin, der Sohn Bayer, der dichtet und Krimis schreibt. Das ist Friedrich Anis weiß-blaue Heimatgeschichte. Ein Gespräch.

          Herr Ani, wir müssen zunächst über Ihre ungewöhnliche Kindheit und Jugend in Kochel am See reden, wo Sie 1959 geboren wurden. Ungewöhnlich für die Zeit ist, dass Ihre Eltern, wie man heute sagen würde, einen Migrationshintergrund haben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Eltern meines Vaters waren syrische Bauern, die wollten, dass aus ihren Kindern was wird. Sie schickten ihren Sohn zum Medizinstudium ins Ausland. Eigentlich sollte er nach Amerika, das hat aber nicht geklappt, und so landete er im Alter von vierundzwanzig Jahren in München. In Kochel gab es damals interessanterweise ein Goethe-Institut, in das mein Vater fuhr, um dort Deutsch zu lernen. Für uns Kinder war es deswegen völlig normal, dass im kleinen Kochel Afrikaner oder anders dunkelhäutige Menschen herumlaufen. Bei einem Sonntagskaffee hat mein Vater meine Mutter kennengelernt, die als eine von Hunderttausenden von vertriebenen Schlesiern mit ihren Eltern in Kochel gestrandet war. Als meine Mutter schwanger wurde, fand ihre Familie das nicht die allerglücklichste Lösung.

          Und wie hat der syrische Zweig der Familie reagiert?

          Die Eltern meines Vaters habe ich nie kennengelernt. Einer seiner Brüder hat meinen Vater einmal besucht, aber da war ich noch ein Kind. In den frühen Neunzigern kam einmal eine Cousine aus Syrien zu Besuch, das war schön. Ich wollte dann hinfliegen, aber daraus wurde leider nichts. Ein Cousin von mir lebt in der Schweiz, der hat mich auf der Buchmesse angesprochen, aber es kam weiter nichts zustande. Mein Vater starb 2012, ein Jahr nach Beginn des Bürgerkriegs, der ihn sehr beschäftigt hat, obwohl er kaum darüber sprach.

          Sprechen Sie Arabisch?

          Nein, mein Vater durfte mir die Sprache nicht beibringen, das hat wohl die Familie meiner Mutter verhindert. Dabei wäre es das einfachste gewesen, ein Kind eine zweite Sprache zu lehren.

          Wie alt war Ihre Mutter, als Sie zur Welt kamen?

          Dreiundzwanzig, also sehr jung. Ich wuchs als superbehütetes Einzelkind auf, was auf dem Dorf keinen Sinn ergibt, weil man da mit den anderen Kindern draußen spielen sollte und zwangsläufig schmutzig wird. Ich habe mich stattdessen in mich selbst zurückgezogen. Mein Vater war unter der Woche beim Studium in München und kam nur am Wochenende, ich wuchs also bei meinen Großeltern auf. Alles recht einfach, außer einem Kohleofen gab es keine Heizung, kein warmes Wasser, und das Klo war am Gang. Aber als Kind merkt man das ja nicht. Ich habe mich später oft gefragt, warum mein Vater eigentlich geblieben ist – er hätte ja auch einfach gehen können.

          Sie meinen, Ihre Mutter hatte Angst, dass sie verlassen wird?

          Davon gehe ich aus. Aber er ist geblieben, sieben Jahre später haben sie geheiratet, erst dann sind wir zum ersten Mal zu dritt in eine Wohnung gezogen.

          Aber in der Schule hatten Sie keine Probleme wegen Ihrer arabischen Abstammung?

          Anfeindungen gab es keine, es gab die üblichen Arschgeigen. Aber Probleme hatte ich nicht wegen meines Vaters, sondern weil ich ein verschlossener Eigenbrötler war. Mein Vater ließ sich 1974 als Allgemeinmediziner nieder. Er konnte gut mit den Leuten und ihren Hunden – sehr wichtig. Er war ein guter Arzt, und er war beliebt.

          Was Sie nicht davon abgehalten hat, Kochel bei erstbester Gelegenheit fluchtartig zu verlassen – nach München. Und dort sind Sie im Stadtteil Giesing bis heute geblieben.

          Das lag an der schwierigen Beziehung zu meinen Eltern. Meine Mutter hatte zwei Schwestern, die in München lebten. Bei jedem Besuch dort, schon als Kind, hat mir die Stadt wahnsinnig getaugt. Ich habe mich da immer wohl gefühlt. Mit meiner Großmutter war ich im Alter von fünf Jahren in Ost-Berlin – riesige leere Straßen, aber das hat mir gefallen. Der ländliche Kosmos hat mir nicht entsprochen.

          Aber als Bayer haben Sie sich deswegen trotzdem gefühlt?

          Meine Identität beruht ganz klar auf der Sprache. Ich habe als Kind ganz schweren Dialekt gesprochen, das änderte sich erst auf dem Gymnasium. Da hatte ich einen Freund, der Hochdeutsch sprach und sich wie ich mit Büchern und Schreiben beschäftigte. Eines Tages in einem Ferienlager habe ich nach einem Spaziergang mit ihm innerhalb weniger Stunden Hochdeutsch gelernt – beim Abendessen sagten die Klassenkameraden: Was ist denn mit dir los, warum redest auf einmal so komisch?

          Dabei sah es eine Weile so aus, als würde gerade in München der Dialekt ganz aussterben.

          In den Siebzigern war Bairisch verpönt, überall musste Hochdeutsch gesprochen werden, gerade für Niederbayern oder Oberpfälzer ein Witz, ein wahnsinniger innerer Aufwand.

          Aber heute scheint die Jugend zur Tracht zurückgekehrt zu sein, beim Oktoberfest herrscht nachgerade Trachtenzwang.

          Das ist mir ein Rätsel. Bei den jungen Frauen sieht das teilweise aus wie Pornokleidung, kurz und ausgestellt und billiger Stoff. Das hat mit Identität nichts zu tun. Selbst beim Starkbieranstich am Nockherberg kommen jetzt alle in Tracht. München wird ja immer jünger, und vielleicht glauben die Leute, dass das eine Integrationstat ist, wenn man sich so anzieht, auch wenn man die Sprache nicht so gut spricht? So im Sinn von: Passt’s auf, ich bin jetzt einer von hier.

          Heimatidyll Kochel am See: „Ich glaube, dass die Bayern Menschen mögen, auch wenn sie es nicht immer zum Ausdruck bringen.“

          Haben Sie eine Lederhose?

          Nein! Ich hatte eine kurze als Kind, da gibt’s ein Foto, auf dem ich ausschaue wieder Dorfdepp von Unterzeismering.

          Womit wir bei der CSU wären beziehungsweise bei der Gleichung CSU gleich Bayern.

          Eben. Denn Integrationskraft ist eine Stärke des Landes. In der großen Flüchtlingswelle von 2015 gingen die Bilder um die Welt, wie die Menschen in München aufgenommen wurden. Ich weiß nicht, ob das anderswo auch so gelaufen wäre.

          Niederbayern hatte gleichzeitig mit dem über Passau ins Land kommenden Zustrom afghanischer Flüchtlingen zu kämpfen. Das wurde doch auch relativ geräuschlos und effizient gemanagt.

          Ja, aber dann hat ganz Niederbayern AfD gewählt, oder jedenfalls viele. Das Problem der CSU ist Söder, weil der bei vielen überhaupt nicht ankommt. Seine Botschaften sind zu durchsichtig und zu glatt, seine Haltung hat gar nichts Väterliches, was der bayerische Mensch schon mag.

          Welche Rolle spielt, dass er Franke ist?

          Hinter den Kulissen gibt es bestimmt Aversionen, weil es die immer gibt bei dieser Frage. Aber daran liegt es nicht. Söder versucht sich auf jedes Kamel zu schwingen, das vorbeigaloppiert, aber das führt früher oder später in die Wüste. Er müsste schon mal eine Haltung haben, man kann nicht ständig auf dem Rücken anderer Politik machen. Die Zeit ist vorbei. Und im schlimmsten Fall wählen die Leute dann doch AfD – aus Protest.

          „Man kennt das ja vom CSU-Wähler, dass er schimpft und mit dem Traktor nach Brüssel fährt, aber dann trotzdem wieder CSU wählt“, sagt Friedrich Ani.

          Peter Gauweiler hat im „Spiegel“ gesagt, er wette, dass die CSU die absolute Mehrheit erreicht bei der Landtagswahl.

          Man kennt das ja vom CSU-Wähler, dass er schimpft und mit dem Traktor nach Brüssel fährt, aber dann trotzdem wieder CSU wählt. Widerstand und Protest gegen die Partei gab es immer. Und ich glaube, dass es in Bayern noch genug Leute gibt, die die CSU verdient haben und die die Partei auch wieder wählen werden. Eine fundamentale Niederlage der CSU ist noch lange nicht sicher.

          „Seehofer ist ein Unchrist“: Sie sind unlängst mit einem Gedicht gegen den Bundesinnenminister an die Öffentlichkeit gegangen, die „Abendzeitung“ hat Ihren Protest auf Seite 1 gebracht. Aber sonst hört und liest man von Ihren Kolleginnen nicht viel Widerständiges.

          Ab und zu muss man als Schriftsteller einen raushauen. Aber viele Kolleginnen und Kollegen haben vielleicht Angst vor dem Shitstorm, der dann unweigerlich kommt.

          Und, kam er dann in Ihrem Fall?

          Die Zeitung wurde mit Kommentaren und Leserbriefen zugeschüttet, bei mir hielt es sich in Grenzen.

          Hatten Sie eigentlich Vorbilder aus der bayerischen Literatur?

          Das kann ich nicht behaupten. Ich habe die Bayern erst spät gelesen, Georg Queri, Lena Christ, Oskar Maria Graf eher am Rande, aber natürlich alles von Herbert Achternbusch. Er hat mich enorm beeinflusst, mir Mut zur eigenen Haltung gegeben. Ich habe ihn immer bewundert, wie er da alles aus sich herausgebrochen hat, Poesie, Malerei, seine Filme.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Vielen fällt bei Bayern immer nur Bier, Berge, FC Bayern und CSU ein. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

          Das ist schwierig für einen, der wie ich aus einem oberbayerischen Dorf kommt. Da fallen mir natürlich als Erstes die Berge ein. Berge, die im Weg stehen. Wiesen. Kühe, die ich noch nie verstanden habe, stehen herum, sind unberechenbar. Beschaulichkeit und Enge. Das klingt jetzt aber alles so negativ. Es gibt schon auch Positive wie den Dialekt. Ich glaube, dass die Bayern Menschen mögen, auch wenn sie es nicht immer zum Ausdruck bringen. Der bayerische Mensch ist an sich ein weltoffener Mensch. Er hat es gern, wenn er Leute sieht, die er nicht kennt, aber er will auch seine Ruhe. Aber natürlich unterscheiden sich die Menschen schon arg, wenn sie aus Aschaffenburg kommen oder aus dem Chiemgau. Was ich immer mochte, war die Widerständigkeit.

          Der sagenumwobene bayerische Anarch. Ich sehe eher eine FC-Bajuwarisierung.

          Ich war mal Mitglied beim FC Bayern, bin aber ausgetreten. Das mit dem FC Bayern ist eine extrem eigene Geschichte. Der Verein tut so, als würde ihm München gehören, eher unangenehm. Aber die Stadt hat natürlich noch viele ganz andere Gesichter. Der Oberbürgermeister Dieter Reiter macht hier einen phantastischen Job. Er hat sich in der Flüchtlingsfrage bewährt, er traut sich was, geht nach draußen, duckt sich nicht weg.

          Da bin ich daheim: Wie empfinden Sie eigentlich die Dauerwerbesendung, die das Bayerische Fernsehen ausstrahlt?

          Das schaue ich nie an. Ich verfolge nur den NDR, denn da sehe ich die Nordsee. Denn wenn ich auf Sylt bin, und das bin ich mindestens einmal im Jahr, geht mir das Herz richtig auf. Ansonsten liebe ich München, meine Heimatstadt. Ich bin einfach kein Landmensch. Insofern habe ich Glück gehabt im Leben.

          Das Gespräch führte Hannes Hintermeier.

          Weitere Themen

          Der Schurke, der die Fäden zieht Video-Seite öffnen

          Filmkritik : Der Schurke, der die Fäden zieht

          Nicht viel ist über den Vize-Präsidenten des George W. Bush bekannt, außer dass Dick Cheney mehr Einfluss auf die amerikanische Politik hatte, als es einem Vize zusteht. Adam McKay hat nun satirisch sein Leben aufgerollt und überschätzt Dick Cheney dabei, findet F.A.Z.-Redakteur Bert Rebhandl.

          Topmeldungen

          Karl Lagerfeld : Der letzte Modeschöpfer

          Karl Lagerfeld, der das Erbe von Coco Chanel neu belebte, ist gestorben. Er war ein ganz anderer Typ als die selbstquälerischen Modekünstler, die sich gerade so mit ihrer Mode ausdrücken können, aber meist nicht mit ihren Worten.
          Jean-Claude Juncker (l.) in Stuttgart, im Gespräch mit Günther Oettinger, EU-Komissar für Haushalt und Personal

          Juncker in Baden-Württemberg : Europa als „Angebot an den Rest der Welt“

          EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verschob einen Termin mit der britischen Premierministerin May, um in Stuttgart aufzutreten. Dort warnte er vor einem Kuschelkurs gegenüber Ungarns Regierungschef Orban – und dem Zerfall der EU.
          Der Vapiano-Chef Cornelius Everke während eines Interview am Dienstag in Frankfurt

          Vapiano-Chef : „Wir haben uns verzettelt“

          Miese Geschäftszahlen, Talfahrt an der Börse: Vapiano-Chef Cornelius Everke erwägt auch Filialschließungen, um die Restaurantkette wieder auf Kurs zu bringen. Und nicht nur das.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.