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Friedrich Ani über Bayern : Eine Niederlage der CSU ist noch lange nicht sicher

Das lag an der schwierigen Beziehung zu meinen Eltern. Meine Mutter hatte zwei Schwestern, die in München lebten. Bei jedem Besuch dort, schon als Kind, hat mir die Stadt wahnsinnig getaugt. Ich habe mich da immer wohl gefühlt. Mit meiner Großmutter war ich im Alter von fünf Jahren in Ost-Berlin – riesige leere Straßen, aber das hat mir gefallen. Der ländliche Kosmos hat mir nicht entsprochen.

Aber als Bayer haben Sie sich deswegen trotzdem gefühlt?

Meine Identität beruht ganz klar auf der Sprache. Ich habe als Kind ganz schweren Dialekt gesprochen, das änderte sich erst auf dem Gymnasium. Da hatte ich einen Freund, der Hochdeutsch sprach und sich wie ich mit Büchern und Schreiben beschäftigte. Eines Tages in einem Ferienlager habe ich nach einem Spaziergang mit ihm innerhalb weniger Stunden Hochdeutsch gelernt – beim Abendessen sagten die Klassenkameraden: Was ist denn mit dir los, warum redest auf einmal so komisch?

Dabei sah es eine Weile so aus, als würde gerade in München der Dialekt ganz aussterben.

In den Siebzigern war Bairisch verpönt, überall musste Hochdeutsch gesprochen werden, gerade für Niederbayern oder Oberpfälzer ein Witz, ein wahnsinniger innerer Aufwand.

Aber heute scheint die Jugend zur Tracht zurückgekehrt zu sein, beim Oktoberfest herrscht nachgerade Trachtenzwang.

Das ist mir ein Rätsel. Bei den jungen Frauen sieht das teilweise aus wie Pornokleidung, kurz und ausgestellt und billiger Stoff. Das hat mit Identität nichts zu tun. Selbst beim Starkbieranstich am Nockherberg kommen jetzt alle in Tracht. München wird ja immer jünger, und vielleicht glauben die Leute, dass das eine Integrationstat ist, wenn man sich so anzieht, auch wenn man die Sprache nicht so gut spricht? So im Sinn von: Passt’s auf, ich bin jetzt einer von hier.

Heimatidyll Kochel am See: „Ich glaube, dass die Bayern Menschen mögen, auch wenn sie es nicht immer zum Ausdruck bringen.“

Haben Sie eine Lederhose?

Nein! Ich hatte eine kurze als Kind, da gibt’s ein Foto, auf dem ich ausschaue wieder Dorfdepp von Unterzeismering.

Womit wir bei der CSU wären beziehungsweise bei der Gleichung CSU gleich Bayern.

Eben. Denn Integrationskraft ist eine Stärke des Landes. In der großen Flüchtlingswelle von 2015 gingen die Bilder um die Welt, wie die Menschen in München aufgenommen wurden. Ich weiß nicht, ob das anderswo auch so gelaufen wäre.

Niederbayern hatte gleichzeitig mit dem über Passau ins Land kommenden Zustrom afghanischer Flüchtlingen zu kämpfen. Das wurde doch auch relativ geräuschlos und effizient gemanagt.

Ja, aber dann hat ganz Niederbayern AfD gewählt, oder jedenfalls viele. Das Problem der CSU ist Söder, weil der bei vielen überhaupt nicht ankommt. Seine Botschaften sind zu durchsichtig und zu glatt, seine Haltung hat gar nichts Väterliches, was der bayerische Mensch schon mag.

Welche Rolle spielt, dass er Franke ist?

Hinter den Kulissen gibt es bestimmt Aversionen, weil es die immer gibt bei dieser Frage. Aber daran liegt es nicht. Söder versucht sich auf jedes Kamel zu schwingen, das vorbeigaloppiert, aber das führt früher oder später in die Wüste. Er müsste schon mal eine Haltung haben, man kann nicht ständig auf dem Rücken anderer Politik machen. Die Zeit ist vorbei. Und im schlimmsten Fall wählen die Leute dann doch AfD – aus Protest.

„Man kennt das ja vom CSU-Wähler, dass er schimpft und mit dem Traktor nach Brüssel fährt, aber dann trotzdem wieder CSU wählt“, sagt Friedrich Ani.

Peter Gauweiler hat im „Spiegel“ gesagt, er wette, dass die CSU die absolute Mehrheit erreicht bei der Landtagswahl.

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