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Im Gespräch mit Donna Leon : Ich will unterhalten, nicht predigen

  • -Aktualisiert am

Die amerikanische Krimi-Autorin Donna Leon im Sommer 2015 Bild: dpa

Donna Leon steht mit ihrem neuen Krimi „Ewige Jugend“ auf dem ersten Platz der Bestsellerliste. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Leben zwischen Venedig und der Schweiz und verrät, warum ihr das Schreiben nicht langweilig wird.

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          Was treibt Sie bei Ihren Venedig-Geschichten mehr an: die überwältigende dekadente Schönheit der Lagune oder die überwältigend traurige Lage der Bewohner, die normale Touristen nie wahrnehmen?

          Ich weiß nicht, ob ich überhaupt von etwas getrieben werde. Alles, was ich zeigen will, ist ein Bild von Venedig, wie ich es kenne und wie es, noch in größerem Ausmaße, die Menschen kennen, die hier länger leben – auch im Vergleich mit dem alten Venedig. Natürlich haben Touristen, gerade wenn sie nur für wenige Tage hier bleiben, keine Zeit dazu, innezuhalten und sich zu überlegen, dass Venedig eine Stadt wie jede andere ist: mit denselben Problemen. Es ist schwierig, hier erschwingliche Wohnungen oder einen Job zu finden, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gute Schulen für die Kinder zu finden, ehrliche und gute Handwerker aufzutreiben, Glühbirnen zu kaufen.

          Ihre Protagonisten sind ein großbürgerlicher Commissario, seine gebildete adlige Frau, deren Eltern und ein bodenständig handelnder Polizist. Damit erfassen Sie mehr oder weniger die ganze venezianische Gesellschaft. Aus welcher Gruppe stammen Ihre eigenen Freunde?

          Sie stellen einen Querschnitt durch die hier lebenden Menschen dar. Meine ältesten Freunde hier sind zwei Schmuckdesigner, und dank ihnen bin ich von zwei venezianischen Familien quasi adoptiert worden. Viele ihrer Freunde sind auch die meinen geworden. Ich kenne auch einen Anwalt, einen Architekten, einen Professor, einen Apotheker. Und ein paar Engländer, denn es bereitet mir Freude, meine Muttersprache mit anderen zu sprechen, für die sie es auch ist. Wortspiele im Italienischen kann ich zwar machen, aber meine englischen sind besser.

          Etwa das halbe Jahr leben Sie in den Vereinigten Staaten, sonst hier in Venedig. Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?

          Liebe Güte, woher beziehen Sie Ihre Informationen? Ich war in den letzten sieben Jahren nur einmal, für zehn Tage, in den Staaten. Ich lebe dort seit nunmehr fast fünfzig Jahren nicht mehr. Ich reise sehr viel mit dem Orchester, mit dem ich arbeite, Il Pomo d’Oro, bin bei den Konzerten und Opernaufführungen dabei oder sitze in Aufnahmestudios. Ich gehe auch auf Lesereise oder zu bestimmten Opernaufführungen, gelegentlich sogar zum Vergnügen. Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich in der Schweiz: in einem kleinen Alpendorf, wo ich auch gemeldet bin, und in Zürich, wo ich viele Freunde und meinen Verlag, Diogenes, habe. Ich fürchte, ich weiß nicht mehr, wo mein Zuhause ist.

          Hinter jedem Roman sucht der Leser nach der Meinung des Autors. Würden Sie sich selbst als moralisch konservative, aber politisch eher links stehende Frau einschätzen, die gegen die Korruption von Politik und Denken kämpft?

          Ich weiß nicht, was „moralisch konservativ“ bedeuten soll. Wäre das Gegenteil „moralisch radikal“, und wenn ja, was würde das dann bedeuten? Und wieso sollte ein Leser an der Meinung des Autors interessiert sein? Wenn ich einen Roman lese, bin ich nur an der Meinung des Erzählers und der Figuren interessiert, soweit ich etwas über sie erfahre, aber deren Meinung ist doch hoffentlich nicht die des Schriftstellers. Meine Aufgabe besteht darin, den Lesern einen Roman zu bieten, in dem sie Zu- oder Abneigung gegenüber einigen Figuren entwickeln können und dadurch an deren Schicksalen Anteil nehmen. Sie besteht nicht darin, ihnen meine eigene moralische Überzeugung zu bieten. Von mir wird Unterhaltung erwartet, keine Predigt.

          Warum sehen Sie sich nie die nach Ihren Romanen gedrehten Filme an?

          Nicht, dass ich sie gar nicht sehen wollte. Einen oder zwei habe ich mir angesehen, mich aber gefragt, auf welchem Buch ihre jeweilige Handlung wohl basierte. Mit den Filmproduktionen habe ich nichts zu tun, aber ich wünsche ihnen natürlich weiterhin viel Erfolg.

          Mord auf offener Bühne, Tod durch Umweltverschmutzung, Ökologie, Jugendkriminalität, Eitelkeiten – haben Sie nach Ihrem 25. Roman, der jetzt unter dem Titel „Ewige Jugend“ bei Diogenes erschienen ist, noch Phantasie genug für mehr?

          Selbstverständlich. Die Leute werden immer wieder böse Dinge tun, um zu bekommen, was sie wollen. Darum geht es in den meisten Krimis, und deshalb werde ich noch mehr als genug zu schreiben haben.

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