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Gerhard Rühm zum Achtzigsten : Spiel ist Ernst, und Ernst ist Spiel

  • -Aktualisiert am

Ein Gesamtkünstler: Gerhard Rühm Bild: picture-alliance/ dpa

Er sieht in ihm einen Künstler, der wie wenige Vorbild ist: des erfinderischen und erfindenden Ausprobierens in allen denkbaren künstlerischen Bereichen. Der Dichter Michael Lentz schreibt zum Achtzigsten von Gerhard Rühm.

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          Gerhard Rühm ist ein umfassend, ein enzyklopädisch tätiger Künstler. Ein Gesamtkünstler. Geben Sie ihm einen Bleistift, und er macht Zeichnungen oder Bleistiftmusik. Geben Sie ihm eine Schreibmaschine, und er macht „schreibmaschinenideogramme“ (1954), konkrete Poesie oder lässt Goethes Erlkönig auf Schreibmaschine erklingen, wobei „der zeilenhalter“ ausdrücklich „so fixiert“ sein muss, „dass bei der letzten type der längsten zeile das klingelzeichen ertönt“. Geben Sie ihm einen Rahmen, und er erfindet das Bild. Geben Sie ihm ein Bild, und er macht den Rahmen zum Thema. Und wenn Sie schon gar nicht mehr wissen, was Sie ihm noch geben könnten, geben Sie ihm gar nichts, stellen Sie Rühm in einen leeren Raum ohne irgendwelche Gegenstände und Materialien: Sie werden den Raum nach kurzer Zeit nicht wiedererkennen.

          Gerhard Rühm ist ein Künstler, der wie wenige Vorbild ist: des erfinderischen und erfindenden Ausprobierens in allen denkbaren künstlerischen Bereichen. Er selbst hat es bereits vorausgesehen, gewissermaßen anberühmt: „Lieber Gott, lass mich einen berühmten Komponisten, Dichter und Maler werden.“ Ob der Schüler Rühm, die Grammatik auf die Probe stellend, ohne die Verständlichkeit einzutrüben, sich seinerzeit der hypogrammatischen Anwesenheit seines Namens in einem Adjektiv bewusst war, das ihm dann tatsächlich einmal zustehen sollte, was auch immer es bedeuten mag?

          Ein Komponist ist er geworden, mit allen Texten gewaschen; ein Dichter ist er geworden, mit allen Ohren blickend und Händen findend; ein bildender Künstler ist er geworden mit eigenen Klaviaturen. Ein Filmemacher, ein Wiederentdecker, ein Diskurserfinder, ein Essayist, ein Wissenschaftler im Erforschen dessen, was er da tut, ist Gerhard Rühm ebenfalls geworden; Gott darum gebeten hat er nicht, ob er ihn wohl nachträglich um Erlaubnis gefragt hat? Und einer, der den Germanisten, Musikwissenschaftlern und Kunsthistorikern für ihre ästhetischen Kommentare die Begrifflichkeit liefert, ist er obendrein geworden, unfreiwillig vielleicht, aber einer muss die Arbeit ja machen.

          Was heißt hier Sprache?

          Festzustellen, dass es außer Gerhard Rühm keinen zeitgenössischen Künstler gibt, der auf so vielen verschiedenen Gebieten tätig ist und das so hochenergetisch, ist ein Gemeinplatz. Eine Binsenweisheit. Eine Selbstverständlichkeit. Eine Trivialität. Eine Phrase. Alles Tatbestände, aus denen das Sprachgenie Rühm Funken und Kapital schlägt. Was heißt hier Sprache? Rühms semiotische und kommunikative Experimente gehen aufs Ganze unterschiedlich kodierter Zeichensysteme, da wird nicht nur an der Oberfläche gekratzt. Während andere bereits mit dem ersten Rückblick auf vermeintlich abgeschlossene Kapitel ihrer künstlerischen Existenz einen Abgesang auf ihre Gegenwart und Zukunft anstimmen, scheint jede Bestandsaufnahme Rühms in eigener Sache ein Neuentwurf zu sein, eine Überprüfung, was noch fehlt, was noch gemacht werden muss. Was macht es da, wenn Gerhard Rühm die Geschichte und den Diskurs der „Wiener Gruppe“ möglicherweise erfunden hat?

          Keiner hat einen wichtigeren Beitrag zur historischen Entisolierung der Konkreten Poesie geleistet als er, die von der Kritik vorschnell auf das Abstellgleis des bloß Kuriosen oder Doktrinären manövriert worden war. Dabei ist Rühm - mehr noch als Hans Carl Artmann, mehr noch als Ernst Jandl, mehr noch als Oskar Pastior - der denkbar metamorphotischste Dichter. Er reißt sich Fremdtexte unter den Nagel, die nach seiner intertextuellen Demontage-Neumontage-Persiflage ganz Rühm geworden sind.

          Wer es nicht glaubt, der soll es lesen

          Wie sonst nur Carlfriedrich Claus hat sich Rühm der Interdependenz von Schrift und Stimme, Schrift und Bild, dem Ausdrucksgestus der Schrift und der Zeichnung, der Rhythmik von Schrift und ihren Affekten gewidmet, und es ist nicht leicht, das zu Sehende der Schriftzeichnungen, der visuellen Poesie Rühms, ihre Akutheit und gestische Präsenz, in Worte zu fassen: Schreiben ohne abzusetzen, Ausschwünge, Figurationen, Zentrifugalen. Dabei ist Rühm nie zum bloßen Konstruktivisten geworden; allen seinen Arbeiten sieht man das existentielle Movens ihrer Hervorbringung an - und selbst im Spiel ist Ernst, und im Ernst ist Spiel, oszillierend zwischen Konstruktion und Groteske.

          Ohne Gerhard Rühm gäbe es keinen Gerhard Rühm. Hat er sich denn selbst erfunden? Gewissermaßen ja. Er hat so beharrlich an sich selbst festgehalten und im An-sich-selbst-Festhalten mittels „methodischen Inventionismus“ eine sich immer weiter ausdifferenzierende Kunst hervorgebracht, die, auf ein Ganzes zielend, in ihren Teilgebieten stets auf ihre anderen Teilgebiete verweist. Die Ergebnisse heißen dann „visuelle Musik“ oder „Tondichtungen“ oder sind Poesie mit den Mitteln und Methoden der Musik. Auch die Frage, inwieweit sich die Grenzen zwischen dem Fiktiven und dem Faktualen/Dokumentarischen verschieben lassen, beschäftigt Rühm seit den fünfziger Jahren, so in seinen „dokumentarischen sonetten“ von 1969.

          Wer es nicht glaubt, der soll es lesen: Denn nicht zuletzt die vielbändige Werkausgabe von Gerhard Rühm, die nach und nach in Einzelbänden bei Matthes & Seitz erscheint, nachdem die ersten vier Bände beim Parthas Verlag in Berlin herausgegeben worden sind - nicht zuletzt diese monumentale Werkausgabe wird es zeigen, dass hier ein Jahrhundertwerk vorliegt. Aber an diesem Freitag wird sein Urheber erst einmal achtzig Jahre alt.

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