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Georges-Arthur Goldschmidt : Ein Tag bestimmt sein Werk und sein Leben

Georges-Arthur Goldschmidt: Nietzsche übersetzt, gegen Heidegger gekämpft Bild: Maximilian von Lachner

Literatur als fortgesetzte Autobiographie: Der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt wird neunzig. Er hat für die Franzosen Nietzsche übersetzt und rezipiert – und zudem versucht, die französischen Verrenkungen der Heidegger-Interpretationen aufzuklären.

          Das Allerschlimmste war überstanden, aber für eine Bahnfahrt nach dem Krieg fehlte ihm das Geld. Als „Schwarzfahrer des Schicksals“ outete sich der in Hamburg geborene Georges-Arthur Goldschmidt in dem Essay, der diese Episode erzählt. In vielen Ehrungen und Geburtstagsartikeln ist der Begriff seither strapaziert worden. Von seiner Gültigkeit hat er dadurch nichts verloren. Er steht für das Lebensgefühl eines protestantischen Juden, der im Alter von zehn Jahren von den Eltern, die ihn nach Frankreich schickten, getrennt wurde und sie nie mehr wiedersah. Er hat darüber in der zweiten Hälfte seines Lebens, das die Eltern ihm mit der Trennung retteten, geschrieben. Diese Bücher weisen Georges-Arthur Goldschmidt als authentischen Schriftsteller aus, der er schon immer war – auch als Übersetzer. Mit seinen Nachdichtungen von Nietzsches „Zarathustra“ und Kafka begann seine Integration in den französischen Kulturbetrieb, dessen Sprache und Literatur Goldschmidt sehr schnell zum Ersatz für die verlorene Heimat und Familie geworden war.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Um die Germanistik in Frankreich war es nach dem Krieg nicht besonders gut bestellt. Sie verfügte über brillante und eigenwillige Köpfe wie Robert Minder, der Heideggers und Hebels „Sprache von Meßkirch“ entzifferte, und Pierre Bertaux, der Hölderlin zum politischen Botschafter verklärte. Französische Germanisten waren oft germanophob oder germanophil. Georges-Arthur Goldschmidt ist keines von beidem und sowohl ein Philosoph der Sprache wie ein politischer Denker in der besten französischen Tradition. Als Germanist fristete er im Pariser Kulturbetrieb ein eher diskretes Dasein, er war Gymnasiallehrer in der Banlieue. Auch außerhalb der Karrierewege im staatlich geregelten Unterrichtswesen verfügt Paris über genügend akademische Institutionen, denen es zur Unehre gereicht, dass sie den genialen Goldschmidt nicht berufen haben. Das „Collège de France“ zum Beispiel. Oder die „Académie Française“. Für sie allerdings hätte er kandidieren müssen. Und dafür hielt sich der lebenslange „Schwarzfahrer des Schicksals“ nicht legitimiert.

          In einem Antiquariat in Annecy

          Georges-Arthur Goldschmidt war bereits 67 Jahre alt, als er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung seines ersten Heimatlandes gewählt wurde: „Kaum ein Tag vergeht, ohne dass mir bei ein wenig grauem und lichtem Himmel der 18. Mai 1938 wieder ins Gedächtnis komme“, sagte er in seiner Vorstellungsrede. Es war der Tag, an dem er Deutschland hatte verlassen müssen: „Mein ganzes Leben hat sich um dieses Datum herum aufgebaut. Alles, was ich schreibe, ist aus dem Bruch in meiner persönlichen Geschichte entstanden.“

          Auf Nietzsche war Georges-Arthur Goldschmidt gleich nach dem Krieg gestoßen, in einem Antiquariat in Annecy erstand er den „Zarathustra“ in einer Ausgabe für die Wehrmacht. Auf einer Bank zwischen Stadt und See entdeckte er ein „Deutsch wie aus der Lutherschen Bibelübersetzung“. Seine französische Übersetzung drei Jahrzehnte später entstand für eine Inszenierung durch Jean-Louis Barrault und wurde zum Bestseller: Die Taschenbuchausgabe erreichte umgehend eine Auflage von 100.000, und noch jahrelang wurden jeweils weitere 10.000 Exemplare abgesetzt. Der Rezeption von Nietzsche, der in Frankreich als faschistischer Meisterdenker galt, hat Goldschmidt wertvolle Impulse verliehen.

          Nur einen Kampf verloren

          Später übersetzte er auch Kafka: „Josef K., das war ich.“ Er schrieb ein Buch über Freud. Goldschmidt war Mitarbeiter der legendären „Quinzaine littéraire“ von Maurice Nadeau und vermittelte viele deutschsprachige Autoren nach Frankreich. Auch der Schweizer Paul Nizon hat seinen phänomenalen Erfolg in Paris ersten Artikeln von Goldschmidt zu verdanken. Mit Peter Handke – sie übersetzten sich gegenseitig – kam es wegen dessen Sympathien für die Serben zum vorübergehenden Zerwürfnis. Goldschmidt ist, wie erwähnt, ein politischer Denker und vor jeglicher Schwärmerei gefeit.

          Der einzige große Misserfolg seines Lebens ist der ziemlich aussichtslose Kampf gegen die französische Heidegger-Rezeption. Mit den „Schwarzen Heften“ wurde zumindest der Nachweis erbracht, dass Goldschmidt seit mehr als einem Jahrhundert recht hat: Heidegger war ein Nazi und ein Antisemit. Auf die endgültigen Beweise haben seine unbelehrbarsten französischen Jünger mit nochmals verrückteren intellektuellen Verrenkungen reagiert. Der Kampf gegen die Weißwäscher geht weiter.

          Heute darf der „Schwarzfahrer des Schicksals“, der seine Fahrkarte längst tausendfach beglichen hat, mit berechtigter Genugtuung und voller Stolz auf den 18. Mai vor achtzig Jahren zurückblicken. In Frankreich, dessen Literatur und Sprache zu seiner zweiten Heimat wurden, feiert Georges-Arthur Goldschmidt an diesem Mittwoch seinen neunzigsten Geburtstag. Zu danken haben wir, seine Leser.

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