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George Friedman liest die Zukunft : Welt, sieh mich an!

George Friedman selbst nennt sein neues Buch „Die nächsten hundert Jahre“ das anmaßendste, das er je geschrieben hat. Jetzt hat er es in der Deutschen Nationalbibliothek vorgestellt - mit einem vierzig Minuten langen Ritt im intellektuellen Cowboysattel.

          Es sei das anmaßendste Buch, das er je geschrieben habe. Aber was soll's, er mache das schließlich, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit dieser rhetorischen Geste greift George Friedman in der Deutschen Nationalbibliothek zu Frankfurt am Main nach dem Wohlwollen seiner knapp zweihundert Zuhörer. Vielleicht macht er das, weil der Gründer der in Austin/Texas beheimateten Denkfabrik Stratfor einem größeren Teil des Publikums zur Begrüßung mit der Einlassung vors Schienbein getreten hat, sein erstes Buch sei noch ganz im Geist der Frankfurter Schule geschrieben - aber es hätte besser gar nicht erscheinen sollen. So betritt der „konservative Republikaner“, wie er sich selbst beschreibt, in der Heimat der Kritischen Theorie das Terrain, indem er es gleich selbst vermint.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          „Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an“ - Hegels Kalender-Gassenhauer als Motto hat Friedman seinem Buch „Die nächsten hundert Jahre“, soeben bei Campus erschienen, vorangestellt. Auf der Bestsellerliste der „New York Times“ rangiert es derzeit auf Platz zwölf. Wie man in den Prognosenwald hineinsieht, so sieht er zurück. So wird man also mit dem Futurologen behaupten, der Mensch neige generell dazu, zu sehr seinen Gefühlen zu vertrauen. Wer erinnert sich noch an die amerikanische Finanzkrise von 1982? Nach verlorenem Vietnam-Krieg und der Demütigung in Iran habe damals den Vereinigten Staaten niemand mehr viel zugetraut, eine grobe „Fehleinschätzung der Robustheit des Landes“.

          Geopolitische Plakatmalerei in Schwarz und Weiß

          Deswegen wertet Friedman die momentane Finanzkrise - ähnlich wie die Weltwirtschaftkrise von 1929 - keinesfalls als historischen Augenblick, sondern als einen im Kapitalismus vorgesehenen Systemschaden. Der Wunsch, etwas für nichts zu bekommen, habe die Spieler gereizt. Aber nicht die Zocker seien das Übel, sondern die konservativen Anleger, die plötzlich beschlossen hätten, ein Viertelprozent mehr Rendite haben zu müssen. Die faulen Kredite habe zwar Amerika erfunden und verkauft, aber gekauft habe sie auch Europa und gleich weiterverkauft an Osteuropa.

          Das zwanzigste Jahrhundert aber definierten drei Entwicklungen: Verfall und Untergang des europäischen Imperialismus, die Vervierfachung der Weltbevölkerung und die technologische Revolution in Kommunikation und Transport, welche die Conditio humana vollkommen verändert habe. Friedman, in Amerika aufgewachsener Sohn ungarischer Holocaust-Überlebender, gibt den begeisterten Texaner. Auch intellektuell reitet er auf dem Cowboysattel. Ohne Manuskript streift er in vierzig Minuten durch die Zukunft. Seine geopolitische Plakatmalerei liebt die Farben Schwarz und Weiß, vor allem die weißen Flecken schimmern durch. In guter atlantischer Tradition von Kissinger bis Huntington unterschlägt er, was es auf der künftigen Landkarte nicht geben soll. Afrika und Südamerika fehlen, Russland ist zunächst Energielieferant, dann demographischer Krüppel. Indien und China traut er auch nicht sehr viel zu.

          Zum Finale ein Aufruf zur Nüchternheit

          Das einundzwanzigste Jahrhundert wird ganz der Behauptung der amerikanischen Übermacht gehören. Der weltweite Rückgang der Geburtenraten und die Lösung des Energieproblems werde diese Rolle zementieren. Amerika kenne seit 1865 im Inland keinen Krieg, und es kontrolliere beide Ozeane: Land und Meer. Das eigene Land sei nachgerade unterbevölkert. Und wem eventuelle Zuwanderer nicht passten, der ziehe einfach weiter. Amerika sei eine „moralische Nation“, auch wenn das nicht jedermann gern höre, sagt Friedman. Bush gleich böse, Obama gleich gut - Präsidentenwahlen seien zu vernachlässigende Phänomene. Denn Amerikas Macht komme aus dem Land selbst, aus seiner überragenden Wirtschaftsmacht, aus der Kontrolle des Weltraums, aus seiner Fähigkeit, nachwuchsfreudige Einwanderer zu integrieren.

          Europa? Habe sich selbst zerfleischt, werde gerade so eben noch durch den Euro zusammengehalten. Der Nationalismus sei wieder da, im Finanzwesen, in der Politik. Die Nato sei ebenfalls so gut wie tot, was man in der Folge des russischen Einmarsches in Georgien 2008 habe studieren können. Immerhin: Kanzlerin Merkel habe begriffen, das Russland die Energie-Daumenschrauben angezogen habe, um sie nie mehr zu lockern. Die nächste Ausquetschung der Europäer würden dann die Amerikaner übernehmen, wenn sie mit Mikrowellentechnik die Sonnenenergie aus dem Weltall auf die Erde schickten. Japan, Polen und der Türkei räumt Friedman künftig Schlüsselstellungen ein, letzterer vor allem deswegen: Wenn sich die islamische Welt organisiert, werde die Türkei an der Spitze stehen, „wie sie das seit fünfhundert Jahren getan hat“.

          Zum Finale ein Aufruf zur Nüchternheit: Alle diese geopolitischen Parameter möge man bitte nicht durch irgendwelche „kulturellen Linsen“ betrachten, rät der Futurologe, das amerikanische Zeitalter habe begonnen. Da spürten die mürben Alteuropäer im Saal ein Gruseln vor dem Ansturm einer solchen Moralbombennation. Noch ist das Kaffesatzleserei. Für den Lebensunterhalt.

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