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Georg Büchners verschollenes Bildnis : Der alte Herr konnte sich kaum trennen

Georg Büchner, wie sein Freund, der französische Theologiestudent Alexis Muston, ihn 1833 sah Bild: Freies Deutsches Hochstift

Die Spur führte nach Frankreich: Die aufregende Suche nach dem seit Jahren verschollenen Original des bekanntesten Porträts von Georg Büchner ist beendet. In Kürze wird die Zeichnung in Frankfurt und Darmstadt zu sehen sein.

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          Es ist das berühmteste Bildnis Georg Büchners und das einzige, von dem wir annehmen dürfen, dass es nicht idealisiert ist. Jeder kennt es, aber nur sehr wenige haben je das Original zu Gesicht bekommen. Die Porträtskizze des zwanzigjährigen Büchner, kaum größer als eine Briefmarke, hat der französische Theologiestudent Alexis Muston im Oktober 1833 auf den Rand einer Brief- oder Manuskriptseite geworfen, aus der sie herausgeschnitten wurde.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit der Entdeckung des Schnipsels in den siebziger Jahren prägt er zusammen mit dem sogenannten „Porträt im Polenrock“ die Vorstellung, die wir uns von den Gesichtszügen Georg Büchners machen. Doch beide Bilder kennen wir nur aus Reproduktionen von eher dürftiger Qualität.

          Mustons Büchner ist wieder aufgetaucht

          Das Polenrock-Porträt wurde bei einem Fliegerangriff auf Darmstadt während des Zweiten Weltkriegs zerstört, und selbst die größten lebenden Büchner-Kenner haben das Muston-Bildnis nicht mit eigenen Augen gesehen. Seit vielen Jahren galt es als verschollen, wenn nicht sogar verloren. Jetzt ist Mustons Büchner wieder aufgetaucht. Am kommenden Montag wird das Freie Deutsche Hochstift die Porträtzeichnung zusammen mit weiteren Skizzen Mustons der Öffentlichkeit präsentieren.

          Die Hauptfiguren dieser spannenden Geschichte um Büchner und seinen Freund Muston sind zunächst einmal eine Meeresbiologin mit dem märchenhaften Namen Yseult LeDanois und ihr Vater, ein französischer Konteradmiral. Als Edouard LeDanois 1887 geboren wurde, war Georg Büchner bereits seit einem halben Jahrhundert tot, Alexis Muston hingegen sollte die Geburt seines Urenkels um ein Jahr überleben. Es ist also gut möglich, dass Edouard, der 1968 starb, als Säugling noch auf dem Schoß des Mannes gesessen hat, der 1833 die bedeutendste Porträtzeichnung seines Studienfreundes Georg Büchner anfertigte.

          Der Schatz verdämmerte in Schränken und Truhen

          Muston war von 1840 bis zu seinem Tod 1888 Pfarrer im Dörfchen Bourdeaux, ein romantischer, aber auch ein umtriebiger Mann, hochgebildet, vielseitig. Der gewaltige Papierberg, den er hinterließ - etwa tausend Zeichnungen, 52 Tagebuchhefte, unzählige Briefe, insgesamt über zwanzigtausend Blatt Papier -, wurde von den Nachkommen wie ein Familienheiligtum behandelt: Behütet, aber ungelesen, dämmerte all das in Schränken und Truhen vor sich hin. Büchner spielte in der Überlieferung der Familie keine Rolle, eine Fußnote aus Deutschland, mehr nicht.

          Von Edouard gingen die Papiere auf seine Tochter über, die alleinstehende Ichthyologin Yseult. Sie gewährte Anfang der siebziger Jahre dem Germanisten Heinz Fischer Zugang zum Nachlass Mustons. Fischer publizierte das Porträt sofort und ließ fünfzehn Jahre später, 1987, den Band „Georg Büchner und Alexis Muston. Ein Büchner-Fund“ folgen, in dem auch ein Teil von Mustons Tagebüchern erstmals auf Deutsch veröffentlicht ist. Zwei Jahre zuvor war Yseult LeDanois gestorben, kinderlos. Nun verliert sich jede Spur.

          In den frühen neunziger Jahren macht sich der Literaturdetektiv und Büchner-Forscher Reinhard Pabst auf die Suche. Es gelingt ihm, Yseults Erben ausfindig zu machen, aber er muss erfahren, dass alle Papiere einem Grenobler Philologen namens Pierre Bolle zur alleinigen Auswertung überlassen worden waren. Bolle mauert. Was genau in seinem Besitz ist, welche Publikationsabsichten er hegt, was mit den Büchner-Zeichnungen geschehen ist - Bolle hüllt sich in Schweigen.

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