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Gefahr abgewendet : Die Kafka-Konföderation

„Wo Goethe das Abenteuer gehabt hat”: eine Postkarte von Kafka aus Riva, jetzt angekommen in Marbach Bild: Stargardt

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Bodleian Library in Oxford haben die Briefe Franz Kafkas an seine Schwester Ottla erstanden. Eine der wichtigsten Handschriftensammlungen der deutschen Literatur gelangt damit in öffentlichen Besitz.

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          Wenn der Rang eines Heiligen durch die Lautstärke angezeigt wird, mit der die Nachwelt um seine Reliquien streitet, dann ist Franz Kafka der Schlüsselheilige der literarischen Moderne. Kein anderer Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts hat ein Werk hinterlassen, um dessen materiellen Rest, die Originalhandschriften, so heftig gerungen wird wie um die Manuskripte, Entwürfe und Briefe des Allegorikers aus Prag. Der Staat Israel, die Bodleian Library in Oxford, das Marbacher Literaturarchiv, die Prager Kafka-Gesellschaft - sie alle haben ihren Anteil an diesem Reliquienkult, sammelnd, fordernd, schützend, Ansprüche erhebend, als Verwalter wie als Jäger von Schätzen, die der Dichter selbst testamentarisch dem Feuertod überliefert hatte. Aber Kafkas Papiere verbrannten nicht, sie wurden zu Gold.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fünfhunderttausend Euro sollten die 45 Briefe und 66 Postkarten, die Kafka zwischen 1909 und 1924 an seine Lieblingsschwester Ottla geschrieben hatte, bei der geplanten Versteigerung am 19. April in Berlin mindestens kosten. Diesen Betrag konnte das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das von Ottlas Erben favorisiert wurde, nicht aufbringen (siehe Die Briefe an die jüngste Schwester kommen zur Versteigerung: Die Frau, bei der Kafka ein anderer war). Dem Konvolut drohte das gleiche Schicksal, das vor einem Vierteljahrhundert Kafkas Briefe an Felice Bauer ereilt hatte: von einem Privatsammler erworben zu werden und in irgendeinem Safe zu verschwinden. Ein beispielloser Zusammenschluss der Kafka-Archive in Oxford und Marbach hat diese Gefahr nun abgewendet.

          Vorbild für andere Kulturkooperationen

          Die Bodleian Library und das Deutsche Literaturarchiv erwerben gemeinsam und zu gleichen Teilen die Ottla-Briefe für einen ungenannten, aber, so der Marbacher Direktor Ulrich Raulff, „literaturfreundlichen“ Betrag. Die Sponsorenmittel kommen auf deutscher Seite teils aus öffentlicher (Bund, Baden-Württemberg, Kulturstiftung der Länder), teils aus privater Hand, auf britischer ausschließlich von privat. Aufbewahrt werden die Briefe in Marbach, sie können aber jederzeit nach Oxford entliehen werden. Eine gemeinsame Homepage, auf der die Manuskripte gezeigt werden, und eine repräsentative Ausstellung sind geplant. Darüber hinaus wollen die beiden Käufer ein internationales Ausstellungsprojekt zum Ersten Weltkrieg erarbeiten.

          Damit schließen die beiden bedeutendsten Gralshüter von Kafkas OEuvre ein Zweckbündnis, das zum Vorbild für andere Kulturkooperationen werden könnte. Zwei Drittel des Kafkaschen Nachlasses, darunter die Manuskripte zum „Schloss“, zur „Verwandlung“ und zum „Urteil“, liegen in Oxford. Marbach verfügt dagegen über den „Process“, den „Brief an den Vater“ und Kafkas Briefe an seine Geliebte Milena Jesenská. Zusammen verwalten die beiden Archive fast vier Fünftel aller erhaltenen Autographen des Dichters.

          Der wahre Gewinner

          Doch die rasant gestiegenen Preise für jedes Blatt Papier, das mit der Aura der schriftstellerischen Inspiration durchtränkt ist, machen es selbst großen Institutionen wie dem Marbacher Literaturarchiv und der Bodleian Library zunehmend schwer, ihre Sammlungen zu vervollständigen. Dass Kafka „nicht dem Kunstmarkt gehört“, wie Ulrich Raulff bei der Vorstellung des britisch-deutschen Archivpakts in Berlin erklärte, ist ein frommer Wunsch, der immer seltener in Erfüllung geht. Im Fall der Ottla-Briefe haben die Erben selbst ein Einsehen gehabt: Nicht nur die einhundertelf Kafka-Originale gehen dank ihrer Großzügigkeit nach Marbach, sondern auch fünfundzwanzig Briefe von Kafkas Mutter Julie an Ottla und Franz, drei Schreiben von Kafkas letzter Geliebter Dora Diamant und neun Briefe von Kafkas Arzt Robert Klopstock an Ottla.

          Das Deutsche Literaturarchiv ist damit um eine wichtige Reliquie reicher, mit der es bei künftigen Kafka-Ausstellungen wuchern kann. Denn eins ist klar, wenn man die längst edierten und kritisch erschlossenen Briefe und Karten sieht, auf denen der Dichter seiner Schwester aus seiner „privaten Weltgeschichte“ berichtet: Der wahre Gewinner der Oxford-Marbacher Konföderation im Namen Kafkas ist nicht die Wissenschaft - wir sind es, die literatursüchtige, vom Geniebegriff nie losgekommene, nostalgisch nach dem Leidensglanz der Geisteshelden gierende Öffentlichkeit des digitalen Zeitalters. Von flimmernden Computerbildern umstellt, wollen wir noch einmal die Handschrift des wahren Schöpfers zu fassen kriegen. In Kafkas Papieren gibt er sich uns zu erkennen.

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