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Toni Morrison Memorial : Der große Abschied

Trauergäste bei der Gedenkveranstaltung für Toni Morrison in New York. Bild: AP

Alle waren gekommen: In New York verabschiedeten sich Oprah Winfrey, Angela Davis, Ta-Nehisi Coates und viele andere von der Nobelpreisträgerin Toni Morrison.

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          Hier sind alle willkommen. Mit diesem Satz begann der große letzte Abschied von Toni Morrison in der New Yorker Kathedrale St. John the Divine am Donnerstagabend, und der Priester, der ihn sprach, fügte hinzu: „Manchmal heißt alle tatsächlich: alle. You are home, you are safe, you are loved.“ Wurden diese Sätze auch schon 1987 gesprochen, als ebenso viele Menschen an diesem Ort zusammenkamen, um James Baldwin zu verabschieden?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hunderte, die sich in der Kirche und davor einfanden, hörten diese Sätze. Es war, als spräche Toni Morrison selbst, und dieser Eindruck verstärkte sich in vielen der Reden, der Gedichte, der Gesänge an jenem Nachmittag (die in einem Stream auf der Website der Kirche zu finden sind). „Sie sah uns. Sie hörte uns. Sie rettete uns.“ Jesmyn Ward sprach so. Edwidge Danticat. Oprah Winfrey. Angela Davis. Sie sprachen nicht von „Einfluss“, nicht von „Inspiration“, wohl von Freundschaft, sprachen davon, wie diese Frau und ihre Literatur sie frei gemacht hätten. Sie sprachen von einer Künstlerin, die ihnen etwas gab, das die Geschichte ihnen zuvor verweigert hatte. Ahnenschaft. Stimmen, die klangen wie sie. Eine Sprache, die von ihnen herkam. Vielfältigkeit. Respekt. Sie sprachen in dem Ton, den Morrison in ihren Büchern zum ersten Mal der Welt zu Gehör gebracht hatte. Michael Ondaatje fragte: Woher kamen diese Sprachen, die Stimmen, Töne, Wörter? Ihre Literatur sei nicht amerikanisch, sondern universell, und auch er spürte, was ihr Werk mit seinen Lesern macht. Es sagt ihnen: Du bist nicht allein.

          „Sie rettete uns“: Die Schriftstellerin Jesmyn Ward bei der Gedenkveranstaltung in der New Yorker Kathedrale St. John the Divine.

          „Was sie erzählte, war dies: Du bist es wert, gesehen zu werden, wert, gehört zu werden. Selbst in deinen stillsten Augenblicken bist du es wert, bezeugt zu werden.“ Jesmyn Ward (deren weithin ausgezeichnete Romane „Vor dem Sturm“ und „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten“ auch auf Deutsch erschienen sind) trug einen großen Trauergesang vor, der nicht nur spürbar machte, was mit Toni Morrisons Tod verlorengeht, sondern was mit ihrem Leben und in ihrer Arbeit gewonnen wurde. Auch deshalb war dies eine „Feier des Lebens“, wie der Nachmittag überschrieben war.

          Welches Erbe zu hüten ist

          Was bleibt, wenn eine Frau geht, eine Künstlerin, Freundin, Mentorin, eine Wegbereiterin dieser Statur? Was bleibt zu sagen, wenn der Schock darüber abklingt, dass die Welt immer noch da ist, ohne sie?

          Toni Morrison starb am 5. August im Alter von achtundachtzig Jahren. Es gehört zu den schönsten Traditionen des amerikanischen Geisteslebens, nach ein paar Monaten noch einmal zusammenzukommen, um einander zu versichern, dass die Gemeinschaft, die durch eine Person und ihr Werk gestiftet wurde, über den Tod dieser Person hinaus bestehen bleibt. Um noch einmal zu resümieren, wo der Kern liegt, der weitergegeben wird. Welches Erbe zu hüten ist. Welche Anekdoten zum Weitererzählen taugen.

          Oprah Winfrey erzählt beeindruckend von ihren Begegnungen mit Toni Morrison.

          Etwa die beiden, die David Remnick, der Chefredakteur des „New Yorker“ erzählte. Einmal rief er sie an, um sie um einen Beitrag zu bitten, den sie ablehnte, weil sie gerade einen Kuchen buk. Und dass ihre Nobelpreisurkunde auf ihrer Gästetoilette über dem Waschbecken hing und daneben ein Brief der Gefängnisverwaltung von Texas aus dem Jahr 1998. Ihr Roman „Paradise“ sei dazu geeignet, Unruhe, Aufstände gar auszulösen und also aus der Gefängnisbücherei entfernt worden. Offenbar hielt die Anstaltsleitung es für nötig, dies der Autorin, die fünf Jahre zuvor den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, mitzuteilen. Toni Morrison war hocherfreut zu hören, was ihrer Literatur zugetraut wurde. Unruhe, war das nicht etwas, wofür sie sorgen wollte?

          Freiheit nicht ohne Wahrheit

          Für die Unruhe auf den Straßen allerdings sorgten andere, Angela Davis etwa. Aber dafür, dass bezeugt, veröffentlicht wurde, was an Gedanken hinter dieser Unruhe stand, dafür sorgte Toni Morrison als Lektorin, als Herausgeberin, als Ermöglicherin von Büchern, Aufsätzen, Artikeln. Angela Davis sagte: „Wir haben uns selbst gefunden im Verhältnis zu ihr und ihrem Werk.“

          „Pass it on.“ Gebt es weiter. Oprah Winfrey deklamierte nach einer bewegten Rede eine Passage aus „Song of Solomon“, Toni Morrisons Roman von 1977, nach dessen Erscheinen sie ihren Brotberuf als Lektorin an den Nagel hängen konnte. Angefangen hatte sie sieben Jahre früher, indem sie dem schwächsten Menschenkind überhaupt eine Stimme gab, schwarz, weiblich, ein Kind noch. Das war in „The Bluest Eye“. Auch darin galt, was alle an diesem Nachmittag bezeugten: Worauf sie aus war, war die Freiheit, die ohne Wahrheit nicht zu haben ist.

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